Buchbesprechungen Weihnachtsheft 2009

Inhaltsverzeichnis

Seite

Für kleine und große Kinder

Isabel Abedi: Lucian 2

Antje Babendererde: Indigosommer 3

Nina Blazon: Totenbraut 3

Luca Bloom: Ich, Elias 4

Meg Cabot: Vorhang auf für Allie 4

Kristin Cashore: Die Beschenkte 4

Katja Gehrmann: Gans der Bär 5

Charise Mericle Harper: Einfach nur Grace 5

Ingrid Law: Schimmer 6

Sabine Ludwig: Die schrecklichsten Mütter der Welt 7

Antonia Michaelis: Die Nacht der gefangenen Träume 7

Oliver Uschmann: Das Gegenteil von oben 7


Für Schöngeister und Literaten

Jakob Arjouni: Der heilige Eddy 7

Thommie Bayer: Aprilwetter 8

Alan Bennett: Die souveräne Leserin 8

Borger & Straub: Sommer mit Emma 9

Paola Calvetti: Und immer wieder Liebe 9

Giulia Carcasi: Ich bin aus Holz 10

Kate Christensen: Feldmans Frauen 10

Jonathan Coe: Der Regen bevor er fällt 10

Anne Cushman: Ich, mein Karma und Er 11

Diaz: Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao 11

Katja Doubek: Königin der Meere 12

Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche 12

Joey Goebel: Heartland 13

Xiaolu Guo: Ein Ufo, dachte sie 13

Mohammed Hanif: Eine Kiste explodierender Mangos 14

William Somerset Maugham: Gesammelte Erzählungen 14

Anthony McCarten: Hand aufs Herz 15

Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent 15

Kate Morton: Der verborgene Garten 16

Arto Paasilinna: Der liebe Gott macht blau 16

Barbara Piazza: Die Frauen der Pasqualinis 17

Beate Rygiert: Das Liebesleben der Farne 17

Lisa See: Töchter aus Shanghai 18

Hannah Tinti: Die linke Hand 18

Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr 18

David Wroblewski: Die Geschichte von Edgar Sawtelle 19

Juli Zeh: Corpus Delicti 19


Für Freunde des Nervenkitzels und des Phantastischen

Sharon Bolton: Das Schlangenhaus 20

Joy Fielding: Im Koma 20

Sebastian Fitzek: Splitter 21

Dick & Felix Francis: Abgebrüht 21

Nicci French: Seit er tot ist 21

Tess Gerritsen: Grabkammer 22

Tanja Heitmann: Wintermond 22

Asa Larsson: Bis dein Zorn sich legt 23

Charlotte Link: Das andere Kind 23

Jassy MacKenzie: Todeskälte 24

Nigel McCrery: Kaltes Gift 24

Val McDermid: Nacht unter Tag 25

Hakan Nesser: Das zweite Leben des Herrn Roos 25

Louise Penny: Der grausame Monat 26

Ulrich Ritzel: Beifang 26

Michael Robotham: Dein Wille geschehe 26


Für Genießer, Sachbuchliebhaber und Lebenskünstler

Heike Faller: Wie ich einmal versuchte, reich zu werden 27

Horst Lichter: Alles in Butter! Rezepte zum Glücklichsein 27

Ingo Petz: Kiwi Paradise 28

Alfons Schuhbeck: Meine Küche der Gewürze 28

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Für kleine und große Kinder


Isabel Abedi: Lucian

ab vierzehn Jahren

(Arena, 18.95 €)

Was wäre wenn... wir alle von Geburt an ein Wesen an unserer Seite hätten, das uns durch das Leben begleitet, unerkannt und unbemerkt, weil es einfach nur da ist und sonst nichts? Aber manchmal erkennen diese Geister, dass wir in Gefahr sind und nehmen dann Menschengestalt an, um uns zu helfen.

Als Rebecca Lucian das erste Mal sieht, fühlt sie sich auf unerklärliche Weise zu ihm hingezogen. Wer ist dieser Fremde, der immer wieder in ihrer Umgebung auftaucht, ihr abwechselnd aus der Patsche hilft und sie gleichzeitig verunsichert und von sich fernhält? Lucian selber weiß auch nicht, wer er ist. Er ist eines Tages nackt irgendwo aufgewacht, ohne Gedächtnis und ohne Hab und Gut und findet bei einem rätselhaften Gönner Unterschlupf. Warum nur fühlt Rebecca sich so merkwürdig unvollkommen ohne ihn? Und wieso ist er für andere oft nicht vorhanden? Gemeinsam versuchen sie das Geheimnis ihrer gleichen Alpträume und Flashbacks zu lüften. Dabei verlieben sie sich, nicht ahnend, dass sie mit ihrer Liebe gegen alle um sie herum antreten müssen, denn nicht nur Rebeccas Mutter hält Lucian für gefährlich und schickt sie weg.


Eine junge Liebe hart am Abgrund, da kommt einem beim Lesen schon ab und an der Gedanke, ob Rebecca nicht auf eine Psychose zusteuert. Spannend und romantisch mit einem Tick Psychologie und Literatur als Gewürz!

Gerti Greil

Antje Babendererde: Indigosommer

ab vierzehn Jahren

(Arena, 14.95 €)

Smilla hat es geschafft! Sie darf ein Jahr zu Bekannten nach Seattle und dort auf die Highschool gehen. Das Beste daran: Ihr Kindheits-schwarm Alec nimmt sie vorher noch mit seiner Clique zu einem Surfurlaub an den Strand von La Push (aufgepasst BISS-Fans) mit. Dort angekommen, zerfallen Smillas Hoffnungen schnell, Alec ist nicht an ihr interessiert und bei den einheimischen Indianern, den Quileute, stoßen sie auf kalte Ablehnung. Besonders die Clique rund um Conrad, dessen Bruder letztes Jahr beim Surfen umkam, verhält sich richtiggehend feindlich. Gerade er rettet sie aber eines Tages vor dem Ertrinken und sie lernt ihn von einer anderen Seite kennen. Allerdings bringt diese latente Feindschaft zwischen den Surfern und den Einheimischen ihre Zuneigung immer wieder in Gefahr und Conrad gerät unter einen schlimmen Verdacht.


Bravo, wieder ein gelungener Jugendroman von Antje Babendererde. Wie immer bearbeitet sie das Spannungsfeld zwischen indianischer und neu-amerikanischer Kultur gekonnt. Dass dabei immer wieder auf die "Biss";-Bücher von Stephenie Meyer und den Werwolf-Mythos der Quileute angespielt wird, erhöht das Lesevergnügen! Und die Romantik kommt dementsprechend auch nicht zu kurz.

Gerti Greil


Nina Blazon: Totenbraut

ab fünfzehn Jahren

(Ravensburger, 16.95 €)

Weil niemand aus dem Dorf seinen Sohn Danilo heiraten will, kauft ihm Jovan weit weg von der Heimat die junge Jasna als Braut. Als diese dann auf den Hof kommt, schnell verheiratet wird und die Ehe rasch und lieblos vollzogen wird, ahnt sie bereits, dass hier etwas Unheimliches vor sich geht. Sie sucht im Dorf Hilfe, wird aber abgewiesen. Alles deutet darauf hin, dass es im Haus des Schwiegervaters einen Vampir gibt, aber sowohl Danilo als auch Jovan hüllen sich in düsteres Schweigen. Allmählich deckt Jasna das Geheimnis der Bewohner des Landguts auf: Es liegt ein Fluch über der Familie, der mit der Geburt eines Erben zu Ende gehen sollte. Aber weder Danilo noch Jasna wollen für so einen sorgen, denn sie teilen das Ehebett nicht miteinander. Kurz darauf sterben im Dorf mehr und mehr Menschen an einer rätselhaften Krankheit, der Vampir soll dafür verantwortlich sein und der befinde sich auf dem Hof. Inmitten all der Not lernt Jasna den geheimnisvollen Dusan kennen und lieben und hat trotzdem zeitweise das Gefühl, niemandem mehr trauen zu können.


Tja, wieder ein Vampir-Roman, denkt man. Nina Blazon lässt den Dämon aber nicht auferstehen aus kühlen Gräbern, sondern beweist, dass er als Aberglaube nur in den Köpfen der Menschen existiert. Ein besonderer Kunstgriff besteht darin, dass sie die Handlung an einem der Ursprungsorte der Entstehung vom Vampirmythos im serbisch-osmanischen Grenzgebiet ansiedelt. Aber man kann ja nie sicher sein… deshalb: Trotzdem sehr spannend.

Gerti Greil

Luca Bloom: Ich, Elias

ab vierzehn Jahren

(Ueberreuter, 12.90 €)

Elias ist fünfzehn und auf der Suche nach allem. Schön langsam will er sich von seiner sozialpädagogischen Mutter emanzipieren und sammelt auf ersten Parties schon mal Erfahrungen mit Alkohol und dem weiblichen Geschlecht. Er probiert ein bisschen rum, bis er sich eines Tages wie vom Blitz getroffen in Zoe verliebt. Schnell wird klar, dass er ihr gegenüber kein Superheld zu sein braucht, sie nimmt ihn, wie er ist. Aber sie gibt wenig von sich selber Preis und hält ihn auch auf Distanz, als er mit ihr schlafen will. Da passiert auf einer Klassenreise ein dummer Fehler.


Nein, es ist nicht wirklich lustig, das Erwachsenwerden. Luca Bloom trifft hier hervorragend den Ton des Lebensgefühls, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Das ist manchmal lustig, meist chaotisch, nur mäßig spannend und mitunter auch tragisch.

Gerti Greil


Meg Cabot: Vorhang auf für Allie

ab acht Jahren

(cbj, 10.95 €)

Die 9jährige Allie wohnt mit ihren Eltern und ihren zwei jüngeren Brüdern Mark und Kevin in einem hübschen, neuen Reihenhaus im Vorort Walnusswald. Eines Tages läuft alles schief. Allie verkracht sich mit ihrer besten Freundin Mary Kay und ihre Eltern teilen ihr mit, dass sie demnächst umziehen werden: In einen alten, heruntergekommenen viktorianischen Altbau mitten in der Stadt, weil das näher an der Arbeitsstelle ihres Vaters liegt und ihre Mutter sich schon lange etwas zum Renovieren wünscht. Allie versucht mit viel Geschick den Umzug zu verhindern. Es gelingt ihr nicht, die Familie bezieht ihr neues Heim und dann wird doch alles besser als gedacht.


Ein witziges Mädchenbuch, das sehr kurzweilig den Alltag eines 9jährigen Mäd-chens beschreibt, das sich zwischen zickenden besten Freundinnen, nervenden kleinen Brüdern und einem ungewollten Umzug behaupten muss.

Ute Beucher


Kristin Cashore: Die Beschenkte

ab fünfzehn Jahren

(Carlsen, 19.90 €; Hörbuch bei Silberfisch, 24.95 €)

Katsa ist eine Beschenkte. In allen sieben Königreichen ist sie als Handlangerin ihres Onkels, des Königs Randa bekannt. Sie besitzt die Gabe des Tötens und muss immer öfter gegen ihren Willen brutale Aufträge erfüllen. Deswegen hat sie mit Gleichgesinnten einen geheimen Rat gegründet, der sich gegen Unrecht und Willkür wehrt. Bei der ersten Mission im Auftrag der Guten begegnet sie dem geheimnisvollen Prinzen Bo, der auch ein Beschenkter ist, und scheinbar als einziger keine Angst vor ihr hat. Bald taucht er auch am Hofe Randas auf und Katsa fühlt sich immer mehr zu ihm hingezogen. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, um die Entführung von Bos Großvater aufzuklären und stoßen dabei auf eine die teuflische Gabe eines der Könige der sieben Reiche, der sie beide fast das Leben kostet.


Ein ganz besonderer fantastischer Roman für Jugendliche, denn die Suche nach den Tätern wird auch zur Suche nach sich selbst für die beiden Beschenkten. Katsa muss wählen zwischen Vertrauen und Unabhängigkeit und bekommt zweiteres mit ersterem geliefert. Und die besonderen Gaben unserer Helden sind längst nicht so vordergründig, wie sie scheinen. Dass die beiden sich kriegen, ist klar, aber sie wählen einen sehr steinigen Weg. Ein gelungener Roman um eine emanzipierte Liebe!

Gerti Greil


Katja Gehrmann: Gans der Bär

ab vier Jahren

(Carlsen, 14.90 €)

Was Prägung im Tierreich ist, können mit diesem Bilderbuch bereits Kindergartenkinder spielerisch und amüsant erfahren: Der Bär wird unvermutet zur Mama für eine kleine Gans.

Eigentlich ist ja der Fuchs schuld, denn der wollte seiner Frau ein besonderes Geschenk machen und hat aus einer Gänsekolonie in einem günstigen Augenblick ein fast fertig ausgebrütetes Ei gestohlen. Beim Nachhauselaufen stößt er jedoch mit einem Bären zusammen und nimmt schnell Reißaus, wobei er das Ei verliert. Dieses große weiße Ding macht den Bären neugierig und er nimmt es mit, ohne zu bemerken, dass es in dem Ei schon ganz leise klopft. Auf einmal macht es "knacks"; und das kleine Tier, das seinen Kopf aus dem Ei streckt, schaut den Bären an und piepst "Mama". Als sich der Bär umschaut, ist natürlich außer ihm niemand zu sehen. Das Tier hält ihn offen-sichtlich für seine Mama. Also versucht der Bär alles mögliche, um das kleine Wesen davon zu überzeugen, dass er nicht seine Mama sein kann. Vor allem weil er sich ziemlich sicher ist, dass kleine Bären nicht so aussehen, die haben keinen Schnabel und keine Federn, glaubt er zumindest. Doch egal was er auch anstellt, das kleine Tier schafft es mitzuhalten und als es schließlich sogar noch mit einer List einen Lachs fängt und den Fuchs niederschlägt, da ist auch der Bär überzeugt, dass dieses kleine Tier sein Kind sein könnte.


Liebevoll illustriert und mit viel Witz macht diese Geschichte nicht nur Kindern Spaß, ich finde sie ebenfalls äußerst amüsant.

Beate Laufer-Johannes


Charise Mericle Harper: Einfach Nur Grace

ab acht Jahren

(C. Dressler, 9.90 €)

Die sechsjährige Grace hat's wirklich nicht leicht: Da in ihrer Klasse gleich vier Mädchen denselben Vornamen haben, wird sie von der Lehrerin kurzerhand "einfach nur Grace" genannt. Außerdem wird sie auf ihrer eigenen Geburtstagsfeier durch einen blöden Zufall nicht die Assistentin des eigens engagierten Zauberers Mister Magic. Zu allem Überfluss muss sie bei der Schulaufführung ein dämliches Baumkostüm tragen. Die Missgeschicke des Alltags machen ihr also ganz schön zu schaffen. Doch Grace ist pfiffig und weiß, wie sie gegen die schlechte Laune ankämpfen kann: Sie zeichnet kleine Comicabenteuer und versucht andere aufzuheitern. Dass dieser Aufheiterungsversuch bei der Nachbarin Miss Luther so gründlich schiefgehen wird, konnte ja niemand vorhersehen.


Ein witziges, aufgewecktes Mädchen ist Grace und was sie über ihren nicht ganz so alltäglichen Alltag und seine Bewältigung zu erzählen weiß, macht auch Erwachsenen sehr viel Spaß.

Beate Laufer-Johannes


Ingrid Law: Schimmer

ab vierzehn Jahren

(Carlsen, 12.90 €; Hörbuch bei Silberfisch, 17.95 €)

Mit gemischten Gefühlen sieht Mibs ihrem dreizehnten Geburtstag entgegen, denn dann wird sie endlich erfahren, was denn ihr "Schimmer" sein wird. Das könnte auch schiefgehen, denn man muss erst lernen, diese besondere Gabe zu beherrschen: Als ihr Bruder Fish letztes Jahr dreizehn wurde, entfachte er einen Wirbelsturm und die ganze Familie musste ein neues Zuhause in der Mitte von Nirgendwo suchen. Ihre ganzen Hoffnungen auf einen schönen Geburtstag schwinden, als Mibs' Vater einen Tag vorher schwer verunglückt. Sie pfeift auf die für sie organisierte Feier und macht sich auf ungewöhnlichen Wegen auf zu ihm ins Krankenhaus. Dabei helfen ihr mehr oder weniger freiwillig ein stotternder Bibelverkäufer mit einem rosa Bus, eine zickige Erzfeindin, der nette Will und ihr wirbelstürmender Bruder Fish. Auf dieser Reise entdeckt sie, dass sie selbst ohne Schimmer vielen Menschen etwas bedeutet - aber in manchen Lebenslagen nutzt ihr nur der Schimmer.


Mit viel Herz und Liebe für die ungewöhnlichen Personen gelingt der Autorin, uns auch ohne Hochspannung ins Geschehen reinzuziehen. Denn der Schimmer ist Segen und Fluch zugleich und die sympathische Heldin wird mit ihm ein Stück erwachsen.

Gerti Greil


Sabine Ludwig: Die schrecklichsten Mütter der Welt

ab zehn Jahren

(C. Dressler, 13.90 €; Hörbuch bei OetingerMedia, 19.95 €)

Sofia, Bruno und Emily haben wirklich die schrecklichsten Mütter der Welt: Sofia kann es ihrer nie recht machen, Bruno muss Klavier spielen, dabei würde er doch viel lieber boxen, und Emily muss ihrer chaotischen Mutter immer aus der Klemme helfen. Daher nehmen alle drei Kinder an einem Schreckliche-Mütter-Wettbewerb im Internet teil. Als die Mütter plötzlich verschwinden und nette Tanten auftauchen, die ihnen jeden Wunsch erfüllen, ist es zunächst wie der Himmel auf Erden. Doch die Tanten weisen allmählich immer merkwürdigere Fehlfunktionen auf. Die Kinder kommen einem geheimen Plan auf die Spur und machen sich gemeinsam auf, um ihre Mütter zurückzuholen.


Träumt nicht jedes Kind einmal davon, seine Mutter in eine Besserungsanstalt zu stecken? Und von jemandem versorgt zu werden, der einen alles, aber auch wirklich alles tun lässt, was man will? Dieser gelebte Traum hat durchaus seine Tücken, und das zeigt uns dieses absolut amüsante Kinderbuch.... das auch für Mutter geeignet ist. Ich habe es jedenfalls mit großem Vergnügen gelesen und mich manchmal selber ein bisschen ertappt gefühlt.

Beate Laufer-Johannes


Antonia Michaelis: Die Nacht der gefangenen Träume

ab neun Jahren

(Oetinger, 14.90 €; Hörbuch bei Oetinger Media, 19.95 €)

Frederic kommt an eine neue Schule, das Elite-Gymnasium St. Isaac. Dort wimmelt es nur so von ideenlosen Musterschülern und Frederic wird schnell zum Außenseiter. Nur Änna, ein zartes, schüchternes Mädchen hält zu ihm. Gemeinsam entdecken sie das grausame Geheimnis des Direktors und versuchen, die Kinder vor seinen wahnwitzigen Plänen zu schützen.


Ein sehr phantasiereiches Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite sehr spannend geschrieben ist. Am Ende gibt es noch eine witzige Überraschung, mit der niemand gerechnet hätte. Sehr empfehlenswert!

Ute Beucher


Oliver Uschmann: Das Gegenteil von oben

ab siebzehn Jahren

(Script 5, 12.90 €)

Der fünfzehnjährige Dennis lebt mit seiner Mutter in einer Hochhaussiedlung und fühlt sich nirgends zugehörig. Seine Mutter ist zu perfekt, sein bester Freund Christoph macht sich zunehmend verletzend über ihn lustig und seiner Mitschülerin Lara traut er sich nicht zu zeigen, dass er in sie verliebt ist. Die Gedanken, die er in der Schule äußert, scheint niemand mit ihm zu teilen. Kein Wunder, dass er sich in der Welt der Computerspiele als Held wohl fühlt. Allerdings betätigt er sich auch in der Realität als Wohltäter: Er beobachtet das Leben der Nachbarn aus dem Hochhausturm gegenüber und mischt sich ein, wenn er das Gefühl hat, dass was schiefläuft. Dann schreibt er anonym aufmunternde Briefe, um sie positiv zu beeinflussen. Eines Tages entdeckt er bei seinen voyeuristischen Ausflügen etwas äußerst Beunruhigendes.


Eine schier unglaubliche Geschichte erzählt der Autor in einer Sprache, die mich sehr berührt hat. Man schlüpft als Leser förmlich hinein in die Haut des Jungen und folgt seinen Irrungen und Wirrungen atemlos. Ein starkes Stück Jugendliteratur!

Beate Laufer-Johannes


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Für Schöngeister und Literaten


Jakob Arjouni: Der heilige Eddy

(Diogenes, 18.90 €; Diogenes Hörbuch 24.90 €)

Der Autor entführt den Leser in das skurrile Doppelleben des Trickbetrügers Eddy Stein, der ein unauffälliges Kleinbürgerdasein in Berlin-Kreuzberg lebt. Er finanziert sich sein Leben einerseits als Musiker und ansonsten dadurch, dass er hauptsächlich Touristen mit ausgefeilten Tricks um ihr Geld bringt. Dass eines Tages der dubiose Millionär und derzeitige Schlagzeilenverursacher Horst König ausgerechnet in seinem Haus buchstäblich vor Eddys Füßen sein Dasein aushaucht, bringt den armen Eddy in arge Bedrängnis. Denn was er am allerwenigsten brauchen kann, ist die Aufmerksamkeit der Polizei oder Presse. Also wohin mit der Leiche?


Mit einer turbulenten Handlung führt der Autor den Leser von einem bizarren Geschehen zum nächsten, wie auf einer Achterbahnfahrt. Schillernde Typen werden überzeugend charakterisiert und das alles vor der Kulisse des heutigen Berlin. Vermutlich wird der Leser nach dieser kurzweiligen und amüsanten Lektüre spontane Bekanntschaften in einer Großstadt etwas zurückhaltender und vorsichtiger angehen.

Gunther vom Dorp


Thommie Bayer: Aprilwetter

(Piper, 16.95 €)

Bennos Leben als Teil des kongenialen Gitarrenduos Tanner und Krantz lief bisher wie vom Autopilot gesteuert. Erst als Christine in ihr Leben tritt, mit beiden gleichzeitig flirtet und von beiden gleichermaßen geliebt wird, muss sich Benno zwischen Liebe und Freundschaft entscheiden. Er überlässt seinem Partner Daniel durch seine Flucht nach Amerika das Feld und die geliebte Frau. Nach anfänglicher Befreiung führt ihn diese Flucht aber in ein desillusioniertes Leben zwischen abgehobener Musik, Frust und Alkoholkonsum. Erst als nach vierzehn Jahren Daniel unvermutet in Nashville auftaucht und ihm die Rückkehr nach Deutschland ermöglicht, beginnt Benno ein neues "trockenes" Leben als Besitzer einer Espresso-Bar. Zwei Jahre währt diese unbehelligte Stille, bis eines Tages Christine und Daniel justament über dem Laden einziehen. Plötzlich ist die Vergangenheit mit all ihren Zweifeln und verpassten Chancen wieder präsent und schafft ein prickelndes Spannungsfeld zwischen der wiedererwachenden Liebe und der Loyalität zu dem Freund, der ihn aus dem Sumpf zurückgeholt hat.


Thommie Bayer erzählt uns in mehreren Zeitebenen die liebenswerte Geschichte des hilf- und glücklosen Benno. Gekonnt schafft er es mit grandiosen Bildern, die Gefühlswelt und die musikalischen Empfindungen des talentierten Musikers vor unseren Augen entstehen zu lassen. Manchmal möchte man als Leser diesen sympathischen, aber im zwischenmenschlichen Bereich so unbeholfenen Benno schütteln und zurufen "Mensch, jetzt mach doch mal". Voller Vorfreude auf die nächste Wendung habe ich Seite um Seite verschlungen. Dem Autor gelingt schließlich nach einer komplexen Dreiecksgeschichte eine Entwicklung seiner Hauptfigur und - was bei Bayer nicht selbstverständlich ist - eine gelungene Balance zwischen kitschigem Happy End und offenem Schluss.

Norbert Johannes


Alan Bennett: Die souveräne Leserin

(Wagenbach, 14.90 €)

Wenn die kläffenden Hunde nicht gewesen wären, hätte die Queen den Bücherbus gar nicht entdeckt, der einmal die Woche in einer entlegenen Ecke des Palasthofes steht. Und wenn sie selbst nicht so höflich erzogen wäre, hätte sie sich nicht aus lauter Verlegenheit ein Buch ausgeliehen. Doch damit beginnt sie eine Affäre, die nicht nur den Küchenjungen Norman die Karriereleiter hinauf befördern, sondern auch ihr eigenes Leben nachhaltig verändern wird.


Bei einer Tasse Tee habe ich stilecht mit dieser kleinen literarischen Miniatur einen äußerst unterhaltsamen Nachmittag verbracht. Eine wunderbare Liebeserklärung an die subversive Kraft des Lesens!

Beate Laufer-Johannes


Borger & Straub: Sommer mit Emma

(Diogenes, 21.90 €)

Der Traum vom harmonischen Sommerurlaub einer modernen Familie wird zum Alptraum. Dabei hatte sich Luisa alles so wunderbar vorgestellt, als sie ein Hausboot in England buchte, um zusammen mit ihrem langjährigen Lebensgefährten Daniel und ihren beiden gemeinsamen Kindern Jasper und Lea, sowie Jaspers Freund Can, zwei wunderbare Ferienwochen auf dem Wasser zu verbringen. Dass Daniel seine aus einem lange zurückliegenden Seitensprung stammende Tochter Emma mitnehmen muss bzw. auch möchte, sollte eigentlich kein Problem darstellen, denn Luisa hat für sich beschlossen, dass sie modern, tolerant und einfühlsam reagieren will. Aber dass diese Familienkonstallation so nicht funktioniert, wird schon bald spürbar.


Alle Ereignisse werden aus den wechselnden Perspektiven der verschiedenen Personen erzählt. Dabei erscheinen einzelne Geschehnisse harmlos oder sogar witzig, summieren sich aber am Ende zu einer wirklichen Tragödie. Durch die ver-schiedenen Erzählperspektiven weiß der Leser oft mehr als die handelnden Personen und man möchte teilweise am liebsten den ein oder anderen wach-rütteln und warnen. Ein absolut spannender und packender Roman.

Sybille vom Dorp


Paola Calvetti: Und immer wieder Liebe

(Goldmann, 17.95 €)

Emma, geschieden, fast fünfzig Jahre alt, erfüllt sich einen Traum und eröffnet eine kleine Buchhandlung mitten in Mailand. Außergewöhnlich an Emmas Idee ist, dass sie nur Bücher rund um das Thema Liebe im Sortiment hat. Ob es gebrochene Herzen zu heilen gibt oder die erste Liebe Schmetterlinge im Bauch entstehen lässt, Emma hat für alle Begebenheiten die passende Lektüre. Als plötzlich Emmas Jugendfreund Federico, verheiratet und mittlerweile ein erfolgreicher Architekt, nach zwanzig Jahren in ihr Leben platzt, gerät Emma in einen turbulenten Gefühlsstrudel. Durch einen sehr intensiven Briefwechsel kommen sich die beiden immer näher und treffen sich dann jedes Jahr in der Bretagne. Bald entsteht mehr und sie müssen sich entscheiden, ob aus der anfänglichen Affäre eine Beziehung wird.

Ein unterhaltsamer Roman, der das Thema Liebe gekonnt mit der Geschichte der beiden Hauptfiguren Emma und Federico und amüsanten literarischen Ausflügen in die Welt der Liebesromane verknüpft.

Ute Beucher


Giulia Carcasi: Ich bin aus Holz

(C. Bertelsmann, 14.95 €)

Guila, eine engagierte Ärztin leidet unter der Beziehung zu ihrer Tochter Mia, die sich immer mehr zurückzieht und die sprachliche Auseinandersetzung verweigert. Aus Verzweiflung liest die Mutter nun das Tagebuch ihrer Tochter und muß leider erkennen, daß Mia eine völlig falsche Vorstellung vom Leben und den Gefühlen ihrer Mutter hat. Sie beginnt ihre Lebensgeschichte in Briefform für ihre Tochter zu schreiben, um Mia von ihrer Kindheit und Jugend zu erzählen und auch, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Dadurch nähern sich Mutter und Tochter wieder einander an und merken, daß sie doch vieles gemeinsam haben.


Ein sensibler Roman, der sehr behutsam die Probleme zwischen verschiedenen Generationen darstellt und gekonnt von der Perspektive der Mutter zur Perspektive der Tochter wechselt.

Ute Beucher


Kate Christensen: Feldmans Frauen

(Droemer, 16.95 €)

Oscar Feldman hat zeit seines Lebens nackte Frauen gemalt. Nicht wenige der Modelle sind auch in seinem Bett gelandet. Nun ist er seit fünf Jahren tot und ausgerechnet jetzt tauchen zwei junge Männer auf, die seine Biographie schreiben wollen. Dazu interviewen sie die drei Frauen in Feldmans Leben: Seine jahrelange Geliebte Teddy, die ihm zwei Töchter gebar und nicht einen Cent geerbt hat; seine Frau Abigail, die ihr Leben seiner Karriere und der Erziehung des autistischen Sohnes gewidmet hat und zeitlebens betrogen worden ist; und seine Schwester Maxine, selber abstrakte Malerin, mit der ihn immer eifersüchtige Konkurrenz und ein Geheimnis verband. Als nun die zwei Biographen die Betroffenen aufsuchen, werden Gefühle aufgewühlt, die lange gut vergraben waren, und die Frauen suchen Kontakt zueinander.


Natürlich wird ordentlich aufgeräumt mit dem Mythos Feldman. Er hat drei äußerst vitale Frauen zurückgelassen, die bestens ohne ihn durch das Leben gondeln. Oskar war für keine von ihnen die erhoffte Erfüllung und so machen sie sich selbst im Alter noch auf die Suche danach. Ein ironischer, demaskierender Roman mit einem liebevollen Blick auf die Heldinnen!

Gerti Greil


Jonathan Coe: Der Regen bevor er fällt

(DVA, 18.95 €)

Gill, verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Töchtern muss nach dem Tod ihrer Tante Rosamund deren Nachlass sortieren. Dabei stößt sie auf vier besprochene Tonkassetten und die Anweisung, diese einer Frau namens Imogen zu übergeben. Gill erinnert sich dunkel an die blinde Imogen, kann sie aber nicht ausfindig machen und beschließt, sich die Kassetten selbst anzuhören. Darin erzählt Rosamund die Geschichte von Imogen und ihrer Familie. Anhand von 20 Fotografien, die den Zeitraum von 1941 bis 2006 umspannen, verknüpft sie die verschiedenen Frauenschicksale und löst das schreckliche Geheimnis um Imogens Blindheit auf.


Dunkle Familiengeheimnisse, verzweifelte Liebe und große Sehnsüchte, die sich durch die Lebensgeschichten von Frauen aus mehreren Generationen ziehen, werden hier sehr spannend erzählt. Die einfühlsame, bildgewaltige Sprache macht dieses Buch besonders lesenswert.

Ute Beucher


Anne Cushman: Ich, mein Karma und Er

(Goldmann, 16.95 €)

Die amerikanische Yogalehrerin Amanda ist 30 Jahre alt und hat weder die spirituelle Erleuchtung noch den Mann fürs Leben gefunden. Stattdessen verfasst sie unterbezahlt Reiseführer und kann sich aus ihrer chaotischen Beziehung mit dem unbeständigen Fotografen und Globetrotter Matt nicht recht lösen. Daher kommt ihr das Angebot ihres Verlages gerade recht: Sie soll nach Indien reisen und vor Ort für ein neues Reiseführer-Programm recherchieren: Erleuchtung für Anfänger. In Indien trifft sie nicht nur eine ganze Reihe unterschiedlichster Gurus und deren Anhänger, sondern stellt überrascht fest, dass sich ihr Leben ganz von alleine von Grund auf ändern wird.


Vergessen Sie den dämlichen deutschen Titel, er ist nicht nur schlecht gewählt, sondern hat mit dem Inhalt dieses Buches nichts zu tun! „Erleuchtung für Idioten“ heißt die wörtliche Übersetzung des Originaltitels und genau das trifft auch den Kern: Eine amüsante Abrechnung mit all den esoterisch-spirituell angehauchten Westlern, die in fernöstlichen Kulturen ihr Heil suchen, Dabei kann es im Grunde genommen doch so einfach sein, die Erleuchtung zu finden, wenn wir mit uns selbst im Reinen sind.

Beate Laufer-Johannes


Junot Diaz: Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao

(Fischer, 19.95 €; Hörbuch bei Argon, 29.95 €)

Es liegt ein Fluch über dem amerikanischen Doppelkontinent, der seinen Ausgangspunkt in der Landung von Kolumbus auf den Westindischen Inseln hatte. Seither setzte er sich in vielen Ereignissen fort und kulminiert in der Dominikanischen Republik in der Schreckensherrschaft des grausamen Diktators Trujillo von 1930 bis 1961. Der Fluch verlässt auch jene nicht, die das Land verlassen haben. Selbst im gelobten Land USA setzt er sich bis heute fort, denn sogar als der Diktator längst tot ist, reicht seine Macht noch dazu aus, jene zu zerstören, die sich vermeintlich gegen ihn gestellt haben. Das sind die Prämissen für die Geschichte des Oscar Wao, dessen Mutter aus der geschundenen Republik nach New Jersey emigrierte.

Science-Fiction und Fantasy-Fan Oscar hat es nicht leicht. Denn aus dem kleinen Jungen, dem die Mädchen und Frauen zu Füssen lagen, ist ein dicker unattraktiver Jugendlicher geworden, an dem das Leben bzw. die Frauen vorbeigehen. Weder auf der Highschool noch auf der Universität erobert er eine seiner Angebeteten. Erst als er nach einem Selbstmordversuch in die Dominikanische Republik, die Heimat seiner Vorfahren, zurückkehrt, lernt er so etwas wie Glück kennen. Auch seine Schwester Lola hat hier schon zu sich selbst gefunden und ist zu einer selbstbewussten Frau herangereift. Aber der lange Arm Trujillos aus dem Jenseits ist auch vierzig Jahre nach dessen Tod noch so stark, dass er Oscar für immer zu zerstören vermag.


Ein durch und durch originelles Buch, bei dem man gleichzeitig verstört ist ob der latenten Gewalt, und dennoch ob der guten Einfälle schenkelklopfend und kopfschüttelnd weiterlesen muss. Sprachlich drückt sich der Panamerikanismus durch ein heilloses mit spanisch durchsetztes Kauderwelsch aus, auch die Metaphern aus der Fantasy-Literatur (schließlich will Oscar ja der zweite Tolkien werden) und die Fußnoten zur Geschichte reichern den Roman zu einem tragikomischen Meisterwerk an. Ein starkes Stück!

Gerti Greil


Katja Doubek: Königin der Meere

(C. Bertelsmann, 19.95 €)

Ende des 17. Jahrhunderts wächst Anne auf der Reisplantage ihres Vaters in South Carolina auf. Als sie verheiratet werden soll, flieht sie zunächst mit dem Piraten James Bonny, der sich allerdings nach kurzer Zeit als Mitgiftjäger entpuppt. Um ihm zu entkommen, heuert Anne als Mann verkleidet auf dem Piratenschiff von Kapitän Calico Jack Rackham an und verliebt sich unsterblich in ihn. Nach kurzer Zeit avanciert sie zu seiner Vertrauensperson und versucht, blutige Übergriffe auf Handelsschiffe zu vermeiden und stattdessen mit List und Tücke die Schiffe zu kapern. Dadurch gewinnt sie einen legendären Ruf als Kapitän Bonny. Erst als Piratenfänger sie mit der gesamten Mannschaft gefangennehmen, endet ihre Karriere als Piratin.


Ein historischer Schmöker für lange Herbst- und Winterabende, der die Blütezeit der Piraten aus weiblicher Perspektive zeigt. Eine kurzweilige, fesselnde Lebensgeschichte einer Frau mit mutigen Entscheidungen und dem Willen zur Freiheit, die ihr Leben selbstbewusst gelebt hat.

Ute Beucher


Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche

(Hanser, 21.90 €; Hörbuch bei Goyalit, 22.99 €)

Der Mittdreißiger Jonas hat sich sein Leben bequem eingerichtet: Seine Arbeit als Werbetexter fordert ihn nicht besonders, und seine Ehe mit Helen und den beiden Kindern läuft in eingefahrenen Bahnen. Für Abwechslung und den sexuellen Kick sorgt die heimliche Liebesbeziehung mit Marie. Im Park begegnet ihm eines Tages ein etwas heruntergekommener Mann, der Jonas und seine Verhältnisse sehr genau kennt. Dieser Mann unterbreitet ihm ein ungewöhnliches Angebot, die Erfüllung dreier Wünsche. Nach längerem Zögern willigt Jonas ein, vor allem, um diesen merkwürdigen Fremden wieder loszuwerden. Jonas hat jedoch keine Ahnung, auf was er sich da einlässt, weiß er doch gar nicht, was seine eigentlichen Wünsche überhaupt sind.


Glavinic bringt gekonnt die dunklen Abgründe in seinen Figuren ans Licht, die geheimen, unbewußten Ängste und Wünsche. Der Roman entwickelt einen unglaublichen Sog, dem ich mich kaum entziehen konnte.

Dass sein Protagonist Jonas heißt und auf geheimnisvolle Weise bereits in seinem früheren Buch "Die Arbeit der Nacht" auftaucht, dort allerdings mit einem anderen Leben, lässt hoffen, dass wir von diesem Jonas und seinem Leben in Paralleluniversen noch mal etwas zu lesen bekommen. Falls ich drei Wünsche frei hätte, wäre dies auf jeden Fall einer davon!

Beate Laufer-Johannes


Joey Goebel: Heartland

(Diogenes, 22.90 €)

Eugene "Blue Gene" Mapother hat seiner reichen Familie vor Jahren den Rücken gekehrt. Er verzichtete demonstrativ auf sein Erbe, hat sich eine Vokuhila-Frisur wachsen lassen, trägt FlipFlops, lebt in einem Trailerpark, liebt Wrestling und verdient sich ein bißchen Geld auf dem Flohmarkt, ist also der klassische Vertreter der heruntergekommenen weißen Mittelklasse. Allerdings benötigt ihn seine mächtige Familie nach vier Jahren Funkstille dringend, denn Blue Genes Bruder John will in den amerikanischen Kongress und dazu braucht er auch die Wählerstimmen der einfachen Leute. Blue Gene ist wie geschaffen dafür, seinem Bruder mehr Nähe zum Volk zu verschaffen. Er lässt sich widerwillig für den Wahlkampf einspannen und hat auch Erfolg, doch als er die rebellische Sängerin Jackie kennenlernt, hinterfragt er zum ersten Mal die politischen Ziele hinter all den Slogans von Amerikas Größe und Freiheit. Unterdessen deckt Blue Gene ein altes Familiengeheimnis auf und bringt den gesamten Clan der Mapothers durcheinander.


Mich erinnerte dieser Roman stark an die Fernsehserien der Siebziger wie Dallas oder Denver-Clan. Eine wunderbare Mischung aus bitterböser Politiksatire und Familiensoap hat Goebel da zu Papier gebracht!

Beate Laufer-Johannes

Xiaolu Guo: Ein Ufo, dachte sie

(Knaus, 18.95 €)

Was ist wirklich passiert in dem abgelegenen chinesischen Dörfchen Silberberg im September 2012? Die unverheiratete Bäuerin Kwok Yung ist mit dem Fahrrad auf dem Weg ins Dorf und macht auf einem Reisfeld Rast, um etwas zu trinken. Ein merkwürdiges Geräusch schreckt sie auf, eine silberne Scheibe scheint am Himmel über ihr zu fliegen, sie wird ohnmächtig. Als sie wieder zu sich kommt, liegt neben ihr ein Fremder mit ungewöhnlich gelben Haaren und einer Verletzung am Bein. Sie bringt ihn in ihr Haus, versorgt seine Wunde, doch während sie Kräuter holt, verschwindet er spurlos. Es muss ein Ufo gewesen sein, was sie da gesehen hat. Und dieses Ereignis ruft sofort die Polizei auf den Plan, alle Dorfbewohner werden eingehend verhört, doch endgültig kann nichts geklärt werden. Das Rätsel löst sich zumindest teilweise, als Monate später ein Dankesbrief mitsamt Scheck aus Amerika eintrifft, Kwok Yung hat einen Amerikaner gerettet, der auf einer Wanderung von einer Schlange gebissen worden war. Dieser Scheck stellt eine Initialzündung dar, die das Leben in Silberberg nachhaltig verändern wird.


Nach anfänglichem Stutzen über die ungewöhnliche Form des Romans, der sich aus verschiedenen Akten zusammensetzt, in denen Gesprächsprotokolle, Skizzen und Anlagen munter gemischt sind, habe ich mich schnell fesseln lassen. Der chinesischen Autorin, die in London lebt, ist eine hinreißende Satire gelungen auf das ländliche chinesische Leben, das Einmischen der kommunistischen Parteioberen und den blinden Fortschrittsglauben, der gewachsene Strukturen hinweg fegt!

Beate Laufer-Johannes

Mohammed Hanif: Eine Kiste explodierender Mangos

(A1 Verlag, 22.80 €)

Im August 1988 stürzt nur vier Minuten nach dem Start die Präsidentenmaschine mit Pakistans Militärdiktator Zia ul-Haq und seinem innersten Stab an Bord ohne Fremdeinwirkung ab. Der Autor führt uns im Rückblick in die Zeit, in der sich die Russen gerade aus ihrem erfolglosen Afganistan-Abenteuer zurückziehen, nachdem die Amerikaner ungeheure Menge von Waffen und Geld in die Hände von Warlords, Taliban und der pakistanischen Armee gepumpt haben. In dieser Armee dienen die beiden Offiziersanwärter Ali Shigri und sein Freund Obaid. Als Obaid eines Tages nicht mehr beim Morgenappell erscheint und der Luftwaffe plötzlich ein Flugzeug fehlt, bekommt Ali es mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI zu tun. Obwohl selbst völlig ahnungslos, wird er verhört, drangsaliert und verprügelt.

Sehr anschaulich schildert Mohammed Hanif die Paranoia des Präsidenten Zia ul-Haq, der sich - ausgehend von einem zufällig gewählten Koran-Zitat - plötzlich wie in einer bösen Vorahnung von allen seinen Untertanen als potentiellen Attentätern bedroht fühlt. In seiner sehr spannenden Story offenbart er verschiedene plausible Optionen für den Absturz. Er lässt uns gleichzeitig erschauern vor dieser ersten Diktatur muslimischer Prägung und zeigt, wie wirklichkeitsfremd Machtmenschen werden können, wenn sie erst einmal den Zugang zu den Menschen auf der Straße verloren haben.

Norbert Johannes

William Somerset Maugham: Gesammelte Erzählungen

(Diogenes, 49.90 €)

Als Teenager habe ich den Autor entdeckt und mir immer wieder vom Taschengeld ein neues Buch mit seinen Kurzgeschichten gekauft. In den Sessel gekuschelt habe ich die Schönen und Reichen der Cote d’Azur bestaunt und mich zu fremdartigen Schauplätzen des fernen Ostens entführen lassen. Vor allem seine pointierten Erzählungen aus den Kolonialgebieten haben mich fasziniert.


Somerset Maugham beschreibt eindringlich Menschen, die in ein fremdes Land quasi geworfen werden und sich dort zwar bewähren müssen, jedoch meistens fremd bleiben. Oft stehen sie der exotischen Umwelt hilflos gegenüber, bleiben auf der Strecke und scheitern. Wie kein Zweiter schafft es Maugham, dem Leser die exotischsten Schauplätze und Menschen lebendig vor Augen zu führen.


Nach all den Jahren üben diese Geschichten immer noch einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus. Die neue Leinen-Ausgabe von Diogenes (2 Bände im Schuber) ist ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für alle literarischen Globetrotter.

Beate Laufer-Johannes


Anthony McCarten: Hand aufs Herz

(Diogenes, 21.90 €)

Vierzig Menschen unterschiedlichen Alters stehen bei Wind und Wetter auf dem Hof eines britischen Autohändlers, berühren ein neues Auto und nehmen so an einem bizarren Ausdauerwettbewerb teil: Derjenige gewinnt den Wagen, der am längsten die Hand darauf hält. Das Wetter, das dauernde Stehen und die Müdigkeit fordern ihren Tribut und immer mehr scheiden aus. Anfangs noch eindimensional charakterisiert, werden die Personen vielschichtiger, ihre Gründe treten immer offener zutage, es entwickelt sich ein ganzes Kaleidoskop der Gescheiterten der britischen Gesellschaft, zu denen auch der Autohändler gehört. Mit dem Wettbewerb versucht er nicht nur ins Guinness Buch der Rekorde zu kommen, sondern auch sein marodes Autohaus vor dem Ruin zu retten. Allmählich konzentriert sich die Handlung auf zwei Hauptfiguren, den gescheiterten, zynischen Tom, der dringend Geld braucht, und die Politesse Jess, die den Wagen für den Transport ihrer querschnittsgelähmten Tochter benötigt.


Mir kamen beim Lesen sofort die Dauertanz-Wettbewerbe in den Sinn, bei denen sich zur Zeit der großen Depression im letzten Jahrhundert verzweifelte Paare beim Versuch Geld zu ergattern erniedrigten. Würden Menschen sich heute tatsächlich auf so etwas einlassen? Anthony McCarten hat eine berührende tragikomische Geschichte geschrieben, eine Geschichte von Hoffnungslosigkeit und Armut, Egoismus und Hilfsbereitschaft, eine beeindruckende Studie über das menschliche Verhalten in einer Ausnahmesituation.

Beate Laufer-Johannes


Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent

(Luchterhand, 21.95 €)

Darius Kopp ist ein wahrer Held des Alltags, zumindest seiner Meinung nach. Er ist Repräsentant einer amerikanischen Firma für drahtlose Netzwerke, zuständig für den Vertrieb in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Osteuropa. Nach der Wende ging es für den Ostdeutschland geborenen Darius beruflich und auch privat immer bergauf. Doch jetzt leidet die Branche unter schlechter Zahlungsmoral und Auftragsrückgang. Darius aber leidet hauptsächlich unter seinem Führerscheinentzug und negiert alle negativen Anzeichen, die zeigen, dass sich sein berufliches Dasein unwiderruflich ändern wird. Ein alltags-untauglicher IT-Mann ist dieser Darius, hält große Reden, ist aber bereits bei Termineinhaltungen überfordert und müllt sein Büro immer mehr zu. Wichtig fühlt er sich nur, wenn er mit Handy und Laptop hantieren kann und damit an die große weite Welt angeschlossen ist.


Sprachlich anspruchsvoll wechselt Terézia Mora die Perspektive, oft sogar mitten im Satz. Man kommt dadurch dem Protagonisten ungewohnt nah. Atemlos folgt man Darius durch eine Woche in seinem Leben, spürt jeden einzelnen Gedanken, jede Unsicherheit, jede Verdrängung der Realität.

Beate Laufer-Johannes


Kate Morton: Der verborgene Garten

(Diana, 21.95 €; Hörbuch bei Audiobuch, 29.95 €)

Cassandra hat große Teile ihres Lebens bei ihrer Großmutter Nell gelebt, ohne von ihrem dunkelsten Geheimnis zu wissen: Sie war nicht die, die sie vorgab zu sein. Nun ist sie tot, und Cassandra erbt außer ihrem Haus in Brisbane auch noch ein Cottage an der Küste von Cornwall. Was es damit auf sich hat und dass es mit dem kleinen Koffer, dessen Inhalt sie schon als Kind gefesselt hat, zusammenhängt, findet sie erst allmählich raus. Wie kam das Märchenbuch aus eben diesem Koffer nach Australien und welche Rolle spielte die Autorin im Leben der Großmutter? Sie fliegt nach Cornwall und entflieht dabei auch der eigenen traurigen Vergangenheit. Nach und nach entdeckt sie, dass ein unheilvoller Pakt zweier ungleicher Cousinen vor hundert Jahren das Los der folgenden Generationen bestimmt hat.


Frauen aus vier Generationen machen sich abwechselnd auf die Suche nach ihrer Herkunft. Dabei weiß man manchmal ein bisschen mehr als die Heldin und manchmal weniger. Spannend bis zum Schluss!

Gerti Greil


Arto Paasilinna: Der liebe Gott macht blau

(Lübbe, 18.95 €)

Der liebe Gott braucht dringend eine Auszeit, er ist überarbeitet, gereizt, leicht depressiv und hat sogar schon seinen Himmel in ein düsteres verlassenes Kloster nach Bulgarien verlegt. Aber wer soll ihn in seinem Urlaub vertreten? Der heilige Petrus und der Erzengel Gabriel lehnen das Angebot dankend ab und machen sich auf die Suche nach einem würdigen Vertreter unter den Menschenkindern. Alle eintreffenden Gebete werden gezielt durchsucht und schließlich einigt man sich auf den finnischen Kranführer Birger Ryynänen, genannt Pirjeri. Gott zieht frohgemut von dannen, doch Pirjeri hat seine ganz eigenen Vorstellungen von der Arbeit Gottes...


Der Humor des finnischen Kultautors ist schon ein ganz besonderer, seit seinem "wunderbaren Massenselbstmord" bin ich ein absoluter Fan von ihm. Und auch in seinem neuesten Roman geizt er nicht mit schwarzem Humor, aberwitzigen Ideen und einer eigenwilligen Geschichte, die mich sehr amüsiert hat.

Beate Laufer-Johannes

Barbara Piazza: Die Frauen der Pasqualinis

(Limes, 19.95 €)

Nur eine einzige wunderbare Nacht ist der achtzehnjährigen Sofia, einzige Tochter des neapolitanischen Reeders Archangelo Mazone, mit Stefano Pasqualini vergönnt, bevor sie standesgemäss mit Sandro Orlandi verheiratet wird. Ihr geliebter Stefano verlässt Italien, um in Deutschland sein Glück als Baumeister zu versuchen. In einem kleinen schwäbischen Städtchen lernt er die spröde aber temperamentvolle Anna kennen und lieben und gründet eine Familie mit ihr. Bei einem Sturz von einem Kirchturm kommt er ums Leben und hinterläßt eine Frau und drei Kinder in Deutschland, und ohne sein Wissen einen Sohn in Italien. Von nun an berühren sich immer wieder kurz die Leben und Schicksale beider Familien vor dem Hintergrund des unruhigen und kriegsgeschüttelten Europa, bis es in der dritten Generation zu einem wunderbar harmonischen Ende im Zeichen der neu gegründeten Europäischen Union kommt.


Anrührend, spannend, manchmal tragisch und tränenreich - ein wunderbar unter-haltsamer Roman nicht nur für Sparks- und Pilcher-Freunde. Eine Geschichte zum hineinträumen und mitleiden, die den Leser in ihren Bann schlagen wird.

Sybille vom Dorp


Beate Rygiert: Das Liebesleben der Farne

(Droemer, 14.95 €)

Das erste Zusammentreffen der Gärtnerin Caroline und des Werbefachmanns Gregor steht unter einem denkbar schlechten Stern: Carolines Farne wurden ruiniert, als sie diese Gregors Firma für eine Präsentation geliehen hat. Bald hat sie jedoch viel größere Probleme, denn ihre tot geglaubte Mutter hat sich bei ihr gemeldet und kurz darauf ruiniert ein Sturm ihr Glashaus. Eigentlich hat Caroline also nichts mehr zu verlieren und macht sich kurzerhand auf nach Frankreich, um ihre Mutter zu suchen. Auch Gregors Leben dreht sich um 180 Grad, als er seinen Job hinschmeißt und sich ebenfalls auf die Reise begibt, um dem Wunsch seines verstorbenen Patenonkels nach einer Seebestattung nachzukommen. Unter äußerst ungewöhnlichen Umständen treffen Caroline und Gregor immer wieder aufeinander, lernen ihre eigenen Wurzeln kennen und kommen sich so allmählich näher.


Eine sehr sympathische Liebesgeschichte zweier Beziehungsunfähiger, ein Roman mit Tiefgang, bei dem mir vor allem der Wechsel der Perspektiven zwischen Carolines und Gregors Sicht sehr gut gefallen hat.

Beate Laufer-Johannes


Lisa See: Töchter aus Shanghai

(C. Bertelsmann, 19.95 €)

Shanghai in den dreißiger Jahren: Pearl und May, Schwestern aus wohlsituierten Verhältnissen, müssen zu ihrem Schrecken eines Tages erfahren, dass ihr Vater sein gesamtes Vermögen verloren hat. Und nicht nur das, er hat für die jungen Frauen Ehen mit Exil-Chinesen in Amerika arrangiert. Von heute auf morgen werden beide aus ihrem gewohnten Leben herausgerissen, denn bevor sie das Schiff nach Hongkong besteigen können, erfolgt der kriegerische Angriff der Japaner auf Shanghai. Auf der Flucht mit ihrer Mutter werden sie von japanischen Soldaten grausam vergewaltigt. Die Mutter stirbt an den Folgen, die Mädchen überleben und erreichen tatsächlich Amerika. Doch das gelobte Land stellt sich als Enttäuschung heraus.


Was Lisa See hervorragend beherrscht, ist die Vermittlung der Stimmung und Kultur im Shanghai der dreißiger Jahre. Sie zeigt die Entwurzelung zweier junger Mädchen, aber auch den Fatalismus, mit dem sich die Chinesen in ihr Schicksal fügen, und den ungebrochenen Willen, ihr Leben zu meistern. Beeindruckend!

Sybille vom Dorp


Hannah Tinti: Die linke Hand

(Luchterhand, 19.95 €)

Der zwölfjährige Ren lebt seit Säuglingstagen in einem kirchlichen Waisenhaus in Neu England. Bereits als er abgegeben wurde, fehlte ihm die linke Hand. Wer seine Eltern sind oder woher er kommt, weiß er nicht. Sein Schicksal scheint sich zu wenden, als ein junger Mann auftaucht, der behauptet sein Bruder zu sein, und ihn mitnimmt. Benjamin Nab benötigt ihn jedoch nur, um bei seinen Gaunereien das Mitleid der Leute zu wecken. Ren findet schnell Gefallen an diesem freien Vagabundenleben und schließt mit vielen sonderbaren Menschen Freundschaft. In der Küstenstadt North Umbrage nimmt seine Geschichte eine unverhoffte Wendung: Ren findet heraus, dass Benjamin mehr über seine Herkunft weiß.


Die Autorin schildert das Leben im 19. Jahrhundert derart plastisch, dass der Leser es förmlich riechen kann. Für alle Freunde farbenprächtiger historischer Romane ist diese Abenteuersaga genau richtig: Von bigotten Mönchen, über barmherzige Schwestern, gewiefte Trickdiebe, Bettler und Leichenräuber bis hin zum hartherzigen ausbeuterischen Fabrikbesitzer reicht das Personal und scheint direkt aus einem Dickens-Roman entlehnt zu sein.

Beate Laufer-Johannes


Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr

(Diogenes, 22.90 €)

Der nahe Osten im Jahr 2024: Israel ist quasi nur noch ein Stadtstaat mit Tel Aviv als Zentrum, umzingelt von einer feindlichen Umgebung. Viele, vor allem junge Leute haben das Land verlassen, die Alten, darunter Bram Mannheim sind geblieben. Vor Jahren war er erfolgreicher Hochschulprofessor in Princeton und lebte glücklich mit Frau und Sohn, als die Katastrophe über ihn hereinbrach. Sein vierjähriger Junge verschwand spurlos, Brams Ehe, ja sein ganzes Leben scheiterte. Jetzt betreibt er eine Agentur, die Eltern hilft, ihre verschwundenen Kinder zu suchen. Als sich ein Raketenangriff auf einen Kontrollposten als Selbstmordanschlag herausstellt, kommt Bram einem ungeheuerlichen Plan auf die Spur.


Im Mittelpunkt steht die persönliche Tragödie Mannheims, doch der Roman geht weit darüber hinaus. Wie könnte es mit Israel weitergehen, wenn die andauernde Spirale der Gewalt nicht durchbrochen wird? De Winter zeichnet ein beängstigendes Zukunftszenario, das gar nicht mal so weit weg scheint.

Beate Laufer-Johannes


David Wroblewski: Die Geschichte von Edgar Sawtelle

(DVA, 22.95 €)

Edgar Sawtelle lebt mit seinen Eltern im tiefen ländlichen Wisconsin. Seit Generationen züchtet seine Familie eine besondere Art von Hunden, die die guten Eigenschaften aller Rassen in sich vereinigt. Edgar selber ist stumm von Geburt an und kommuniziert sowohl mit Menschen als auch mit Hunden in der Gebärdensprache. Die friedliche Stimmung auf dem Hof wird eines Tages jäh durchbrochen, als Edgars Onkel Claude auftaucht. Bald darauf fliegen zwischen den Brüdern Gar und Claude die Fetzen und Claude verschwindet. Als wenig später Edgars Vater Gar stirbt, ist der Junge überzeugt, dass sein Onkel ihn auf dem Gewissen hat, zumal der sich in der Folgezeit auch noch an seine Mutter Trudy heranmacht. Er teilt sich aber niemandem mit und seine heimlichen Aggressionen führen zu einem schrecklichen Unglück. Edgar läuft mit drei Jährlings-Hunden weg und verbringt den Sommer in der Wildnis. Der Verdacht gegen seinen Onkel lässt ihn aber nicht mehr los und er muss nach Hause und alles aufklären.


Ein großartiger Roman um Familienbande, Liebe, Schuld und Sühne, und um die Einsamkeit eines Halbwüchsigen trotz aller Zuneigung von Mensch und Hund. Ein Junge-mit-Hund-Buch für erwachsene Leser und Favorit auf mein Buch des Jahres.

Gerti Greil


Juli Zeh: Corpus Delicti

(Schöffling & Co., 19.90 €)

Wir befinden uns im Jahr 2057, das komplette Staatswesen ist mutiert zu einer Gesundheitsdiktatur, Gesundheit ist zur obersten Bürgerpflicht geworden. Die sogenannte Methode kontrolliert ihre Bürger, zwingt sie zur Vorsorge, verlangt regelmäßige Schlaf-, Ernährungs- und Fitnessberichte. Mia Holl ist jung, begabt und unabhängig, hat das System noch nie hinterfragt, ja sie wohnt sogar in einem Wächterhaus, dessen Bewohner sich durch die genaueste Befolgung der Vorschriften auszeichnen. Doch nun gerät sie plötzlich in Konflikt mit dem Staat, als sie beweisen will, dass ihr Bruder, der sich wegen einer angeblichen Vergewaltigung umgebracht hat, unschuldig ist. Mia wird zur Staatsfeindin und muss sich vor einem Schwurgericht verantworten.


Wie weit darf der Staat in seiner Fürsorgepflicht gehen? Wie eigentlich positiv gemeinte gesundheitspolitische Ziele in eine staatlich durchgesetzte Bevormundung des einzelnen münden, das erzählt Juli Zeh sehr distanziert und kühl, und damit um so erschreckender. Nur eine Zukunftsvision? Oder sind wir bereits auf dem besten Weg dorthin?

Beate Laufer-Johannes


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Für Freunde des Nervenkitzels


Sharon Bolton: Das Schlangenhaus

(Manhattan, 19.95 €)

Die Tierärztin Clara Benning lebt zurückgezogen in einem kleinen englischen Dorf. Durch eine Narbe im Gesicht von frühester Kindheit an entstellt, meidet sie den direkten Kontakt mit ihren Nachbarn. Als ihr Ort eines Tages von einer merkwürdigen Schlangenplage heimgesucht wird, muss sie als zuständige Expertin handeln. Eine Schlange kann Clara aus dem Bettchen eines schlafenden Babys herausholen, ohne dass etwas passiert. Doch in einem weiteren Haus findet sie neben harmlosen einheimischen Ringelnattern auch eine äußerst gefährliche Giftschlange aus Asien. Irgend jemand terrorisiert die Dorfbewohner und alles scheint mit einem alten verlassenen Haus und einer Tragödie, die über fünfzig Jahre zurückliegt, zusammenzuhängen.


Eine sympathische Protagonistin, eine ungewöhnliche Geschichte und ein Span-nungsaufbau, der den Leser unaufhaltsam in den Bann des Romans zieht und mitfiebern lässt, kurzum: ein großartiger Thriller, nach dessen Lektüre Sie ihre Umgebung unweigerlich nach Schlangen absuchen werden.

Beate Laufer-Johannes


Joy Fielding: Im Koma

(Goldmann, 19.95 €, Hörbuch bei Random House Audio 24.95 €)

Gerade eben noch hatte Casey Marshall alles, was das Leben lebenswert macht: Einen wunderbaren, erfolgreichen Ehemann, ein ausgefülltes Berufleben, ein erhebliches Vermögen und gute Freundinnen, mit denen sie sich zum Mittagessen getroffen hatte. Von einer Minute zur anderen ändert sich das alles dramatisch: In der Tiefgarage wird Casey angefahren und schwer verletzt liegen gelassen, während der Fahrer flüchtet. Nach Wochen des Komas wacht die junge Frau im Krankenhaus auf, um ensetzt feststellen zu müssen, dass sie sich weder bewegen noch in irgendeiner Form kommunizieren kann, aber sie ist in der Lage zu hören. Die Berichte über ihren Zustand, die sie anhören muss, sind wenig ermutigend. Eines Tages muss sie erfahren, dass ihr Unfall kein Unfall, sondern ein Mordversuch war - und nur sie kennt den Mörder! Sie muss mitanhören, dass er zu Ende bringen will, was ihm beim ersten Mal nicht gelungen ist. Obwohl Casey feststellt, dass sehr langsam die Funktionen ihres Körpers zurückkehren, weiß sie, dass sie vermutlich nicht genug Zeit haben wird. Sie braucht Hilfe- aber wie soll sie sich verständlich machen?


Ein spannender, unterhaltsamer Krimi, nicht allzu blutig, der den Leser nicht so leicht los lässt. Weniger geeignet für den männlichen Leserkreis.

Sybille vom Dorp


Sebastian Fitzek: Splitter

(Droemer, 16.95 €; Hörbuch bei LübbeAudio, 19.95 €)

Marc Lucas möchte am liebsten seine quälenden Erinnerungen an einen tragischen Autounfall auslöschen, bei dem durch seine Schuld seine hochschwangere Frau gestorben ist. Er gerät an ein obskures Psychoinstitut, das ihm wahre Wunder verspricht, doch von einem Moment auf den anderen gerät sein ganzes Leben aus dem Gleis. Nicht nur, dass ihn keiner mehr zu kennen scheint, weder auf der Arbeit noch privat, nein, auch seine tote Frau scheint plötzlich wieder quicklebendig zu sein. Marc sucht verzweifelt nach einer Erklärung, als ihm ein Drehbuch seiner Frau in die Hände fällt, in dem seine Geschichte bis ins Kleinste beschrieben wird...


Obwohl das Thema des Identitätsverlustes in Film und Thrillerliteratur recht beliebt ist, schafft es der Autor, den Leser von der ersten Seite an dermaßen zu fesseln, dass einem die Luft wegbleibt: Ein aufregender Psychothriller vom Allerfeinsten!

Beate Laufer-Johannes


Dick & Felix Francis: Abgebrüht

(Diogenes, 21.90 €)

Der gute Ruf des jungen Sternekochs Max Moreton ist in Gefahr, gab es doch bei einem von ihm ausgerichteten Galadiner auf der Rennbahn von Newmarket eine Lebensmittelvergiftung, an der viele Menschen erkrankten. Für einige der Betroffenen hat sich das allerdings im nachhinein als Glücksfall herausgestellt, denn so konnten sie nicht an einem Empfang in der Loge eines amerikanischen Traktorherstellers teilnehmen. Ein Bombenanschlag kostete dort viele Menschenleben. Max ist sich keiner Schuld bewusst und versucht herauszufinden, wer ihm das Gift ins Essen gemischt hat, um seinen Namen reinzuwaschen. Dabei kommt er dem Täter gefährlich nahe und bringt sein eigenes Leben in Gefahr.


Ein wunderbarer Thriller aus der Feder des englischen Altmeisters Dick Francis, diesmal mit Unterstützung seines Sohnes Felix. Eine spannende Handlung mit unvorhergesehenen Wendungen, eine sich zart entspinnende Liebesgeschichte, dazu böse Buben, die vor keinerlei Gewalt zurückschrecken, und nicht zuletzt ein überaus sympathischer Held machen dieses Buch zu einem wahren Krimivergnügen.

Beate Laufer-Johannes


Nicci French: Seit er tot ist

(C. Bertelsmann, 19.95 €; Hörbuch bei audio media verlag, 19.95 €)

Eleanor Falkner führt eine glückliche, vertrauensvolle Ehe. Als ihr Mann Greg bei einem unerklärlichen Autounfall ums Leben kommt, stirbt auf dem Beifahrersitz auch eine fremde Frau. Eleanor muss sich damit abfinden, dass er ein Verhältnis hatte. Die Vorstellung, dass alle Annahmen über das eigene Leben und die Beziehung zu ihrem Mann falsch sein könnten, ist alleine schon erschreckend, noch schlimmer jedoch ist das kränkende Mitleid, mit dem gemeinsame Freunde auf die Situation reagieren. Eleanor will trotz ihrer Trauer und Zweifel mehr über die vermeintliche Geliebte ihres Mannes wissen und beginnt ein gefährliches Doppelleben.


Der Roman beginnt als Porträt einer trauernden Frau, die entgegen aller Widerstände nicht aufgibt, und entwickelt sich zum packenden Thriller, in dem die Hauptfigur selbst ins Visier der Polizei gerät.

Beate Laufer-Johannes


Tess Gerritsen: Grabkammer

(Blanvalet, 19.95 €; Hörbuch bei Random House Audio, 24.95 €)

Im Keller eines privaten Museums in Boston taucht unerwartet eine Mumie auf, offensichtlich ägyptisch und damit sehr alt, wie die ersten Untersuchungen der Leinenbinden zeigen. Der Schock ist um so größer, als sich bei der Computertomographie herausstellt, dass die Leiche aus der heutigen Zeit stammt, verfügt sie doch über eine Zahnfüllung und hat zudem eine Kugel im Bein. Die junge Frau wurde ermordet, und der Täter hat in ihrer Mundhöhle eine Goldmünze mit einer kryptischen Inschrift hinterlassen. Bei den polizeilichen Untersuchungen des Museumskellers kommt es allerdings noch schlimmer, denn ein Schrumpfkopf ist ebenfalls nur wenige Jahre alt. Als die dritte Tote, präpariert wie eine alte Moorleiche, im Kofferraum der jungen Archäologin Josephine Pulcillo aufgefunden wird, gerät sie ins Visier der Ermittlungen.


Ein skrupelloser Täter, bizarre Morde und eine junge Archäologin mit einem tödlichen Geheimnis, das sind die Zutaten dieses aufregenden Thrillers, in dem die Autorin ihr bewährtes Team, die Gerichtsmedizinerin Maura Isles und die Polizistin Jane Rizzoli, auf die Jagd schickt.

Beate Laufer-Johannes

 


Tanja Heitmann: Wintermond

(Heyne, 19.95 €, Hörbuch bei Random House Audio, 24.95 €)

Sie leben unter uns in unwirtlichen verlassenen Städten, wo die Menschen sich kaum auf die Straßen trauen, weil eine instinktive Scheu sie in ihren Häusern und Wohnungen hält. Nur des Nachts, da wird gefeiert und die Angst löst sich auf in Leichtsinn und Unbekümmertheit.

Als Meta von der erneuten Untreue ihres Freundes Karl erfährt, stürzt sie sich betrunken ins Nachtleben und verbringt eine erotische Nacht mit einem Unbekannten. Der ist aber scheinbar nicht weiter an ihr interessiert und sie kehrt aus seinem schäbigen Stadtviertel zurück in ihre helle Kunstgalerie-Glitzerwelt, wo magere, perfekte Frauen und wichtigtuerische Männer den Ton angeben. Ihr Liebhaber für eine Nacht aber muss zurück zu seinem Rudel. David wird nämlich von einem Dämonen beherrscht und beherbergt einen Wolf in seinem Inneren. Kann er es trotzdem wagen, Meta zu suchen und den Gesetzen des Wolfsdämons zuwider zu handeln?


Tanja Heitmann führt uns in zwei Welten, die nach demselben Prinzip funktionieren. Denn sowohl in der Schickimicki-Kunsthändlerwelt als im Wolfsrudel gelten die gleichen Gesetze. Dass es Grenzgänger zwischen diesen Welten gibt, ist der Stoff für diesen spannenden Roman!

Gerti Greil


Åsa Larsson: Bis dein Zorn sich legt

(C. Bertelsmann, 19.95 €, Hörbuch bei Hörbuch Hamburg, 19.95 €)

Rebecka Martinson hat die Stelle als Staatsanwältin in Kiruna angenommen. Seit ihren eigenen früheren Ermittlungen gelangen kaum aufregende Fälle zur Verhandlung. Bis eines Frühlingstages die Leiche der seit Oktober vermissten 16-jährigen Wilma auftaucht. Gemeinsam mit ihrem Freund war sie zu einem Tauchgang aufge-brochen, um ein vor mehr als 60 Jahren abgestürztes Flugzeug der deutschen Wehrmacht in einem einsamen See aufzuspüren. Dazu mussten sie ein Loch ins Eis schlagen. Als Wilma nach erfolgreichem Tauchgang wieder auftauchen wollte, lag eine Holztür auf dem Loch und jemand hinderte sie daran, diese wegzustoßen. Allerdings taucht die Leiche in einem Fluss auf, der keinerlei Verbindung zu dem See hat. Rebecka und die Polizistin Anna-Maria Mella ermitteln von Anfang an in die richtige Richtung, denn der gewalttätige Clan der Krekulas hat etwas zu verbergen. Ihre Intuition bringt sie abwechselnd auch bei diesem Fall in Lebensgefahr.


So muss ein Krimi sein: Fiese Typen, denen kaum beizukommen ist, Ermittler, die alle selber einen Knall haben und Schuldige, die sich jahrzehntelang durchgemogelt haben. Psych(ot)isch dicht führt uns Larsson durch ein Geflecht aus Ängsten und Schuldzuweisungen. Der besondere Kunstgriff, dass das Opfer beobachtend kommentiert und dabei gar nichts zur Auflösung beitragen kann, weil es selber nicht weiß, warum es sterben musste, lässt einen des Öfteren zweifeln, ob dieser Fall zu lösen ist. Vorsicht Suchtgefahr!

Gerti Greil


Charlotte Link: Das andere Kind

(Blanvalet, 24.95 €)

Gwen Beckett ist das, was man gemeinhin eine alte Jungfer nennt: Sie hat nie einen Beruf erlernt, kleidet sich altmodisch und lebt mit Mitte Dreißig allein mit ihrem verwitweten Vater auf einer etwas heruntergekommenen Farm in Nordengland. Ein bißchen Geld kommt durch Feriengäste ins Haus, die jedoch nicht allzu zahlreich sind. Zufällig lernt sie den gutaussehenden Dave Tanner kennen und zur Überraschung aller Verwandten und Bekannten wollen die beiden bald heiraten. Das Verlobungsessen gerät zum Desaster, glauben doch alle An-wesenden insgeheim daran, dass Dave nur an Gwens Besitz interessiert ist. Fiona, eine alte Bekannte von Gwens Vater, spricht unverblümt aus, was alle denken. Als sie kurz darauf brutal ermordet aufgefunden wird, gerät nicht nur Dave in den Fokus der polizeilichen Ermittlungen.


Eine typische Link, wie sie ihre Fans lieben: Undurchsichtige Morde, gut gehütete Familiengeheimnisse, angesiedelt in einer wunderbaren Landschaft. Auch bei die-sem Roman ist man als Leser schnell gefangen genommen und weiß nicht, wem man überhaupt noch trauen kann. Mit Recht!

Beate Laufer-Johannes


Jassy MacKenzie: Todeskälte

(Diana, 19.95 €)

Johannesburg ist ein gefährliches Pflaster: Wer immer es sich leisten kann, verbarrikadiert sich hinter hohen Zäunen und Mauern, schützt sich mit Hunden, Alarmanlagen und privaten Sicher-heitsdiensten. Annette Botha hilft dies alles nichts, als sie nachts vor ihrem Tor aus nächster Nähe erschossen wird. Bei der Untersuchung des Falls stellt sich heraus, dass Annette weder sexuell missbraucht noch bestohlen wurde. David Patel von der Polizei und die Privatdetektivin Jade de Jong finden heraus, dass es eine ungewöhnliche Häufung ähnlicher Morde gibt. Immer wieder werden Menschen vor ihrem Grundstück erschossen, ohne dass ein offensichtliches Motiv vorhanden ist.


Die Figur einer Privatdetektivin, die eine dunkle Vergangenheit hat und durchaus skrupellos ist, erhöht die Neugier beim Lesen. Ein überaus spannender Thriller, der auf ein furioses Finale hinsteuert!

Beate Laufer-Johannes


Nigel McCrery: Kaltes Gift

(Droemer, 16.95 €)

Bei einem Verkehrsunfall wird zufällig die stark verweste Leiche der alten Violet Chambers an die Erdoberfläche befördert. Überprüfungen zeigen jedoch, dass die Tote für die Öffentlichkeit anscheinend immer noch quicklebendig ist, sie bezahlt Steuern, kassiert Mieteinnahmen und schreibt Postkarten an ehemalige Nachbarn. Nur, gesehen hat sie seit Jahren niemand mehr. DCI Marc Lapslie wird zusammen mit seiner Assistentin Emma Bradbury auf den Fall angesetzt. Die Ermittlungen gestalten sich jedoch schwierig, auch wegen Lapslies Synästesie. Geräusche und Stimmen nimmt er als intensiven Geschmack wahr, was ihn immer wieder aus der Bahn wirft. Doch der Täter ist noch lange nicht fertig, sondern hat längst das nächste Opfer ins Visier genommen.


Eine boshafte Geschichte, eine gestörte Mörderin, ein außergewöhnlicher Polizist und ein Umfeld, das an Agatha-Christie-Krimis erinnert, kurzum: ein bizarrer Krimi in bester Tradition, der den Leser schaudern lässt. Very british!

Beate Laufer-Johannes

Val McDermid: Nacht unter Tag

(Droemer, 19.95 €, Hörbuch bei Argon, 19.95 €)

Als erst zwanzig Jahre nach seinem Verschwinden von seiner Tochter eine Vermisstenanzeige für Mick Prentice aufgegeben wird, stochert Di Karen Pirie eher aus persönlichem Interesse denn auf höhere Anweisung in dem Fall herum. Schließlich soll der Abgängige damals während des großen Bergarbeiterstreiks als Streikbrecher das Dorf verlassen haben und mit gelegentlichen Geldsendungen die Familie unterstützt haben, was bedeutet, dass dies keineswegs ein Fall für die Cold-Case-Spezialistin ist. Allerdings ist er auch nicht auffindbar, und keiner hat ihn seither wirklich gesehen.

Offiziell wird Karen zu einem alten Entführungsfall hinzugezogen. Auf Wunsch eines schottischen Magnaten soll der Verbleib des vor Jahren entführten Enkels ermittelt werden. Auf die Spur brachte ihn die ehrgeizige Journalistin Isabel, die leider nur allzu gern ihr eigenes Süppchen kocht und sich von altem Reichtum korrumpieren lässt…


Mit ihrem neuen Buch hat Val McDermid ihrer schottischen Heimat ein Denkmal gesetzt und gibt uns einen zeitgeschichtlichen Einblick in die Mitte der 80er Jahre, als die britischen Gewerkschaften sich mit dem Ausstand der Bergarbeiter noch einmal aufbäumten. Es gelingt ihr äußerst trickreich, die beiden Fälle miteinander zu verknüpfen - was sich der erfahrene Krimileser sowieso schon dachte. Allerdings gibt es als Überraschung noch ein paar unerwartete Tote.

Gerti Greil


Hakan Nesser: Das zweite Leben des Herrn Roos

(btb, 21.95 €)

Der 59jährige Ante Valdemar Roos ist in zweiter Ehe mit der herrischen Alice verheiratet, wird von den Stieftöchtern finanziell ausgenommen und ist unzufrieden in seinem Job. Dieses langweilige vorhersehbare Leben wird urplötzlich unterbrochen, als er im Toto eine größere Summe gewinnt. Ohne seiner Familie etwas davon zu sagen, kündigt er seine Arbeit und kauft sich eine einsame Kate im Wald. Dort begegnet ihm die junge Anna, ausgerissen aus einem Heim für junge Drogenabhängige und auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ex-Freund. Die beiden unterschiedlichen Charaktere freunden sich nach vorsichtigem Abtasten an, und Herr Roos gewährt ihr Zuflucht in seinem Häuschen. Aber Annas Aufenthaltsort bleibt nicht geheim, bald bekommt sie ungebetenen Besuch, und Kommissar Barbarotti findet eine Leiche im Wald.


Wer hat nicht schon einmal in seinem Leben davon geträumt, neu anzufangen, ohne den ganzen alten Ballast? Meine ganze Sympathie gilt Herrn Roos, der ein einziges Mal in seinem Leben ausbricht und nur das tut, was er selbst will. Hakan Nesser beschreibt dies so einfühlsam und dicht, dass das Kriminalgeschehen in den Hintergrund rückt. Der Ermittler betritt sehr spät die Bühne des Geschehens, aber das tut der Spannung des Romans keinen Abbruch. Unbedingt lesen!

Beate Laufer-Johannes

Louise Penny: Der grausame Monat

(Limes, 19.95 €)

Eigentlich war es nur eine Schnapsidee, um sich die Zeit zu vertreiben, denn wann hat man schon mal die Gelegenheit mit einem echten Medium an einer Séance teilzunehmen. Für Madeleine Favreau wurde daraus bitterer Ernst, denn sie stirbt währenddessen an Herzversagen. Inspektor Gamache stellt schnell fest, dass jemand bei ihrem Tod gründlich nachgeholfen hat. Doch wo liegt das Motiv? Madeleine war allseits beliebt und hat seit ihrem Einzug bei ihrer alten Schulfreundin Hazel die Herzen der Dorfbewohner im Sturm erobert. Noch während Gamache versucht, hinter die malerischen Fassaden zu schauen, wird in der Presse eine üble Hetzkampagne gegen ihn persönlich losgetreten, mit Verleumdungen, die vor seiner eigenen Familie nicht haltmachen.


Die schrulligen Bewohner von Three Pines, ihr nettes, idyllisches Örtchen, der sympathische Inspektor Gamache und sein äußerst eigenwilliges Ermittlungsteam, das sind die Zutaten, aus denen Louise Penny ihre wunderbaren Kriminalromane strickt. Und glauben Sie mir: Gäbe es dieses Dorf wirklich, ich würde glatt die dortige Buchhandlung übernehmen!

Beate Laufer-Johannes


Ulrich Ritzel: Beifang

(btb, 19.95 €)

Eine junge Frau wird mit einem Handkantenschlag ermordet und der vermeintliche Täter ist schnell gefunden: Der Ehemann war nicht nur notorisch eifersüchtig, sondern besitzt als Bundeswehroffizier dank seiner Nahkampfausbildung auch die Fähigkeit auf diese Art zu töten. Sein Verteidiger glaubt an seine immer wieder beteuerte Unschuld und engagiert den ehemaligen Kriminalbeamten Hans Berndorf für private Ermittlungen. Als dieser eintrifft, ist der Anwalt ebenfalls tot, überrollt von einem Güterzug im Bahnhof. Unglück, Selbstmord oder Mord? Berndorf lässt nicht locker und löst allmählich Knoten um Knoten eines Knäuels von fatalen Beziehungen, in die das Opfer, hohe Staatsbeamte und auch der ermittelnde Richter verstrickt sind.


Was mich bei Ritzel so fasziniert, ist die komplexe Verknüpfung von kriminalistischen Fällen der Gegenwart mit der Vergangenheit. Ritzel lässt eine Zeit wieder aufleben, die in der idyllischen Provinz gerne verdrängt wird. Herausgekommen ist ein unglaublich spannender Krimi mit viel Einblick in das vermeintlich friedliche ländliche Schwaben.

Beate Laufer-Johannes


Michael Robotham: Dein Wille geschehe

(Goldmann, 19.95 €)

Im strömenden Regen steht eine nackte Frau am Rand der berühmten Clifton Suspension Bridge in Bristol, das Wort Hure auf den Bauch gemalt, ein Handy am Ohr. Auch der herbeigerufene Psychologieprofessor Joe O’Loughlin kann sie nicht retten, ohne auf seine Worte zu hören springt sie wie ferngesteuert in den Tod. Für Joe ist der Vorfall ein einziges Rätsel, die Polizei dagegen ist sicher, dass die Frau Selbstmord begangen hat. Einige Tage später wird ihre Geschäftspartnerin erfroren aufgefunden, nackt, an einen Baum gefesselt, ebenfalls ein Handy zu ihren Füßen. Langsam kristallisiert sich für Joe die Gewissheit heraus, dass hier ein Mörder auf äußerst manipulative Weise am Werk ist. Behindert durch seine Parkinson-Erkrankung versucht Joe trotzdem, zusammen mit dem pensionierten Detective Ruiz dem Mörder auf die Spur zu kommen. Dabei gerät er mit seiner Familie ins Fadenkreuz des Täters.


Der Autor hat sich viel Zeit für die Entwicklung seiner Figuren genommen und das Profil des Täters ist psychologisch ausgefeilt. Auf verstörende Art und Weise wird gezeigt, wie beeinflussbar der Mensch durch die bloße Macht der Worte ist: Ein fesselnder Psychothriller im wahrsten Sinn des Wortes.

Beate Laufer-Johannes


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Für Genießer, Sachbuchliebhaber und Lebenskünstler


Heike Faller: Wie ich einmal versuchte, reich zu werden

(DVA, 19.95 €)

Die Journalistin Heike Faller hat finanziell keine Probleme. Sie hat einen gutdotierten Job und einige Rücklagen, die auf der Bank vor sich hin dämmern. Interesse an einer wie auch immer gearteten Anlage hat sie nicht. Bis sie bei einer Recherche eines Tages auf zwei Oberpfälzer Sparkassenangestellte stößt, die sie absolut faszinieren und nicht nur von einer Anlage in Gold überzeugen, sondern ihr auch den Anstoß geben, ihr Geld für sich arbeiten zu lassen: In einem Jahr will sie 10000 Euro verdoppeln. Die Amateurinvestorin stürzt sich mit Vehemenz in die fremde Welt des Geldes und erliegt schnell ihrer Anziehung. Dass sie dabei genau in das turbulente Jahr der Finanzkrise gerät, kann niemand vorhersehen.


Heike Faller ist eine äußerst genaue Beobachterin und beschreibt ihre Begegnungen mit Jungtradern, Risikoinvestoren und einem der reichsten Männer der Welt höchst unterhaltsam. Nebenbei erklärt sie die Fachbegriffe der Finanzwelt so, dass man sie auch versteht und in Zukunft sogar mitreden kann. Eine gelungene Mischung!

Beate Laufer-Johannes


Horst Lichter: Alles in Butter! Rezepte zum Glücklichsein

(Mosaik bei Goldmann, 19.95 €)

In seinem neuesten Kochbuch versammelt Horst Lichter seine Lieblingsrezepte, ob von Tante Gerda, Oma Mienchen oder auch von Johann (Welcher Sternekoch ist da wohl gemeint?). Lichter kennt keine Berührungsängste und mischt die Stilarten munter durcheinander, Hauptsache es schmeckt. Gestaltung und Aufbau in unübliche Kapitel wie zum Beispiel "kleine Leckerchen" tragen seine Handschrift. Der originellste deutsche Fernsehkoch spielt gerne mit seinem Image und fügt oft noch extra eine Portion Butter oder Sahne hinzu.


Das Ergebnis: Leckere Rezeptideen, durchaus alltagstauglich und gut geeignet für mehr Abwechslung in deutschen Küchen. Diese Rezepte machen wirklich nicht nur satt, sondern auch glücklich!

Beate Laufer-Johannes



Ingo Petz: Kiwi Paradise

(Droemer, 18.95 €)

Ingo Petz ist wieder in der großen, weiten Welt unterwegs: Nach dem wilden Osten Aserbaidschan hat er mit Neuseeland ein absolutes Kontrastprogramm ausgewählt. Die Kiwis, wie sie sich selbst liebevoll nennen, besitzen nämlich eine völlig andere Mentalität und pflegen sowohl ihre sportlichen Aktivitäten als auch ihr entspanntes Verhältnis zum Leben. Ingo kommt schnell an seine Fitnessgrenzen und erlebt, wie es sich anfühlt, wenn man sich als typischer Großstädter in der Wildnis verirrt. Er lernt viele Menschen kennen, sogar Sir Edmund Hillary, der über einen öffentlich zugänglichen Telefon-bucheintrag leicht zu finden war, und sich gerne mit ihm zu einer Tasse Tee verabredet hat.


„Reise in ein verdammt gelassenes Land“ heißt der treffende Untertitel dieses Reiseberichtes der etwas anderen Art. Humorvoll zeigt uns der Autor die deutschen Schwächen auf, eine Anregung, doch öfters mal über den eigenen Schatten zu springen und das Leben nicht ganz so schwer zu nehmen.

Beate Laufer-Johannes


Alfons Schuhbeck: Meine Küche der Gewürze

(Zabert & Sandmann, 24.80 €)


Endlich ist er da – der neue Schuhbeck! Und er punktet mit einer ausführlichen Gewürzkunde und einem gut bebilderten warenkundlichen Teil. Schuhbeck geht sowohl auf Ge-sundheitsaspekte, als auch auf Herkunft und Inhaltsstoffe ein.


Anspruchsvolle Rezepte und zahlreiche farbige Abbildungen in bewährter Schuhbeckmanier machen dieses Buch zu einem wahren Schmuckstück in jeder Küche!

Gerti Greil und Beate Laufer-Johannes