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Das Luftkind

Roman

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783442731213
Sprache: Deutsch
Umfang: 272 S.
Format (T/L/B): 2 x 18.7 x 11.8 cm
Einband: kartoniertes Buch

Beschreibung

Sie ist in der Blüte ihrer Jugend. Doch seit ihrem Fehltritt im Roggen ist Freda von Rützow eine gebrochene Frau. Das Kind jener romantischen Stunden hat sie auf Drängen ihres Vaters weggegeben. Jahrelang lastet die Erinnerung an die wenigen Minuten, die sie mit ihrem Baby verbringen durfte, auf ihr. Unter der Schreckensherrschaft der Nazis bekommt Freda Gelegenheit, ihre Schuld zu sühnen. Sie hält einen jüdischen Jungen in ihrer Wohnung versteckt, betreut und erzieht ihn. So befreit sie sich von der Last der Vergangenheit und findet in düsterer Zeit doch noch Glück und Liebe. ?Irina Korschunow ist mit packenen Schilderungen von Menschen und Milieu bekannt geworden.? Welt am Sonntag

Autorenportrait

Irina Korschunow, geboren und aufgewachsen in Stendal, veröffentlichte zahlreiche erfolgreiche Romane. Darüber hinaus ist sie eine der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen Deutschlands. Ihre Bücher werden weltweit übersetzt. Die vielfach ausgezeichnete Autorin lebt in der Nähe von München.

Leseprobe

Freda, die eigentlich Friederike hieß, Friederike von Rützow, war siebzehn, als sie in den Roggen geriet. Eine Katastrophe nannte es ihr Vater, doch des einen Eule ist des anderen Nachtigall, und Harro Hochberg, der damals noch mit seinen Rasseln und Klötzchen spielte, wird ihrem Fehltritt eines Tages seine Rettung verdanken. Zwei Geschichten, die eine hier, die andere dort, viel Zeit noch, bis beide sich mischen. Aber sie gehen aufeinander zu. Es begann im Juli 1923, kurz vor der Ernte, der Roggen stand hoch. Gelber Roggen, wohin man sah, Klatschmohn und Kornblumen dazwischen, die Sommerfarben der Mark, und dass so etwas hier und in seiner Familie passieren könne, erklärte Herr von Rützow, liege an der Unordnung, die um sich greife nach dem verlorenen Krieg. Der Kaiser im Exil, das Reich zur Republik verludert, und nun dies. 'Und nun dies', schrie er in seinem Zorn, der schnell hochschoss und wieder zusammenfiel, man kannte es und nahm es hin. Er war der Herr in Großmöllingen, alles seins, die Felder und Koppeln, die Scheunen und Remisen, das Schloss im Park, die niedrigen Katen an der Dorfstraße, eigentlich auch die Leute darin, obwohl jeder gehen konnte, falls es ihn juckte, nach Berlin oder Amerika. Die meisten jedoch blieben, wie ihre Väter und Großväter, weiterhin unter den Dächern des Herrn Baron, ein guter Herr im Allgemeinen, aufbrausend, aber gerecht und zugänglich für Sorgen und Nöte, wenn sie ihre Arbeit taten und den roten Agitatoren keine Chance gaben, die gewohnte Ordnung in Großmöllingen durcheinander zu bringen. Denn nur die Ordnung, so sein Credo, halte die Welt zusammen, im Großen wie im Kleinen. Und nun seine Tochter und dies. Gewalt, stammelte Freda und erzählte etwas von einem fremden Streuner, der sie in den Roggen gezerrt habe, lauter Lügen, Friedrich von Rützow glaubte kein einziges Wort. Doch weil der entschwundene Kindsvater als Ehemann ohnehin jenseits jeder Debatte stand, sparte er sich die Mühe, hinter ihm her zu forschen, sondern tat das in solchen Fällen Übliche. Schweren Herzens, er liebte diese Tochter, wenn auch auf seine Weise, preußisch, doch es gab nur den einen Weg, um das Schlimmste abzuwenden, und Freda fügte sich. Das Schlimmste, wird sie ihm irgendwann sagen, habe ihr seine Ordnung angetan. Aber noch senkte sie den Kopf und schwieg, was sonst auch nach den Jahren unter seiner Alleinherrschaft, immer nur du sollst, nie ich will. Fraglich, ob die kleine Friederike von Gurrleben, kurzzeitig Frau von Rützow, den Mut besessen hätte, mildernd in die väterlichen Erziehungsprinzipien einzugreifen. Mit siebzehn war sie ins Großmöllinger Schloss gekommen, zehn Monate später auf den Friedhof, wo ein weinender Engel über die toten Rützows wachte. Freda kannte sie nur als Bild im Kaminzimmer, dunkle Augen, dunkles Haar, Rosen am Gürtel, deine Mutter. Der neuen Frau von Rützow, fast ebenso jung, gelang es nicht, die Vakanz zu füllen, und gut, dass Katharina Hook, deren Säugling gestorben war, das Schlosskind an ihrer Brust genährt und gehätschelt hatte und vorläufig blieb. Katta, rund, weich und tröstlich in den ersten Jahren. Lass man, Kleene, wird schon wieder, murmelte sie, wenn etwas wehtat außen oder innen, eine magische Formel auch noch späterhin, dank der Stiefmutter, die ihr, nach Fredas sechstem Geburtstag, das Kommando in der Näh- und Bügelkammer anvertraute, nur eine Treppe höher als der Kindertrakt. Statt ihrer war Mademoiselle Courrier dort eingezogen, eine dürre Pariserin, durch deren Hände bereits mehrere Mädchen der Verwandtschaft gegangen waren. Sie erschien im April 1912, blieb sieben Jahre und vermittelte, während des Ersten Weltkriegs als Herr von Rützow als Major seinem Kaiser diente, Freda die nötigen Kenntnisse im Schreiben, Lesen, Rechnen, anschließend noch das Pensum der ersten Klassen einer höheren Töchterschule sowie diese und jene Fertigkeit im Sticken, Malen und am Klavier, das Übliche eben. Vor allem aber brachte sie ihr in galoppierendem Französisch bei, was man Leseprobe