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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783446205741
Sprache: Deutsch
Umfang: 513 S.
Format (T/L/B): 3.5 x 22 x 15 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

Ein Fremder kommt nach Kars, eine türkische Provinzstadt, um eine merkwürdige Serie von Selbstmorden zu untersuchen: Junge Mädchen haben sich umgebracht, weil man sie zwang, das Kopftuch abzulegen. Plötzlich kommt es zu einem Putsch, inszeniert von einem Schauspieler. Ein Theatercoup? Doch es fließt echtes Blut, es intervenieren echte Soldaten, keiner kann die Stadt verlassen, weil es unaufhörlich schneit. Ein aktueller Roman, in dessen Zentrum die Frage nach der Identität der Türkei zwischen "Verwestlichung" und Islamismus steht.

Autorenportrait

Orhan Pamuk, 1952 in Istanbul geboren, studierte Architektur und Journalismus. Für seine Werke erhielt er u.?a. 2003 den Impac-Preis, 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2006 den Nobelpreis für Literatur. Bei Hanser erschienen zuletzt Der Koffer meines Vaters (2010), Cevdet und seine Söhne (Roman, 2011), Der naive und der sentimentalische Romancier (2012), der Katalog Die Unschuld der Dinge. Das Museum der Unschuld in Istanbul (2012), Diese Fremdheit in mir (Roman, 2016), Die rothaarige Frau (Roman, 2017), Istanbul (Erinnerungen und Bilder aus einer Stadt, 2018) und Die Nächte der Pest (Roman, 2022).

Leseprobe

Ka hatte sich auf sein Bett ausgestreckt und vor sich hin geträumt, da klopfte es. Er stand, wie er im Mantel dagelegen hatte, auf und öffnete. Cavit, der Rezeptionist, der den ganzen Tag neben dem Ofen mit Fernsehen zubrachte, stand an der Tür und sagte: 'Das habe ich vorhin vergessen; Serdar Bey erwartet Sie dringend.' Gemeinsam stiegen sie in die Hotelhalle hinunter. In dem Augenblick, als Ka das Hotel verlassen wollte, blieb er stehen: I·pek war eben durch die Tür neben der Rezeption eingetreten; und sie war viel schöner, als Ka sie in Erinnerung hatte. Ihm fiel plötzlich wieder ein, wie schön sie in ihren Studentenjahren gewesen war. Er wurde ganz aufgeregt. Ja, natürlich, so schön war sie gewesen. Wie zwei verwestlichte Bourgeois aus Istanbul gaben sie sich erst die Hand, dann, nach kurzer Unentschlossenheit, reckten sie den Kopf vor, umarmten und küßten sich auf die Wangen, ohne daß die unteren Teile ihrer Leiber sich berührten. I·pek wich etwas zurück und sagte mit überraschender Offenheit: 'Ich wußte, daß du kommen würdest. Taner hat angerufen und es mir gesagt.' Sie schaute Ka direkt in die Augen. 'Ich bin wegen der Lokalwahlen und der jungen Selbstmörderinnen hier.' 'Wie lange bleibst du?' fragte I·pek. 'Neben dem Hotel Asien ist die Konditorei Neues Leben. Ich habe jetzt mit meinem Vater zu tun. Um halb zwei könnten wir uns dort zusammensetzen und reden.' Ka spürte, daß die ganze Szene etwas merkwürdig war, weil sie sich nicht in Istanbul - etwa im Viertel Beyog_lu -, sondern in Kars abspielte. Er wurde sich auch nicht klar, wieviel von seiner Aufregung an I·peks Schönheit lag. Nachdem er auf die Straße getreten war und Richtung Zeitungsredaktion ging, während der Schnee fiel, dachte er: Wie gut, daß ich diesen Mantel gekauft habe. Unterwegs sagte ihm sein Herz mit der unerschütterlichen Gewißheit der Gefühle noch zwei Dinge, die sein Verstand nie zugegeben hätte. Erstens: Ka war nicht nur zum Begräbnis seiner Mutter von Frankfurt nach Istanbul gekommen, sondern auch, um nach zwölf einsamen Jahren ein türkisches Mädchen zum Heiraten zu finden. Zweitens: Ka war von Istanbul nach Kars gekommen, weil er insgeheim glaubte, dieses Mädchen sei I·pek. Hätte ihm gegenüber ein Freund mit starker Einfühlungsgabe diesen zweiten Gedanken geäußert, hätte ihm Ka nicht nur nie verziehen, sondern sich wegen der Richtigkeit dieser Vermutung selbst sein Leben lang geschämt und beschuldigt. Ka war einer der Moralisten, die sich selbst überzeugt haben, daß das größte Glück des Menschen sei, nichts für sein persönliches Glück zu tun. Überdies hätte er es mit seiner elitären westlichen Bildung nicht vereinbaren können, eine Frau, die er kaum kannte, aufzusuchen, um sie zu heiraten. Trotzdem war ihm nicht unwohl, als er bei der Grenzstadtzeitung ankam, denn seine erste Begegnung mit I·pek war besser verlaufen, als er es sich im Autobus vorgestellt hatte, ohne es sich selbst einzugestehen. Die Grenzstadtzeitung lag eine Straße unterhalb von Kas Hotel an der Faikbey-Straße; die Fläche, die Redaktion und Druckerei zusammen einnahmen, war etwas größer als Kas kleines Hotelzimmer. Der Raum war durch eine Holzwand zweigeteilt, an der Bilder Atatürks hingen, Kalender, Muster für Visitenkarten und Hochzeitseinladungen, Fotografien, die Serdar Bey von sich zusammen mit hochrangigen Inhabern von Staatsämtern und berühmten Türken hatte machen lassen, die nach Kars gekommen waren, sowie die gerahmte, vierzig Jahre zuvor erschienene erste Nummer der Zeitung. Im Hintergrund lief mit freundlichem Lärm eine elektrische Druckmaschine mit Schwungpedal, die vor mehr als hundert Jahren in Leipzig von der Firma Baumann hergestellt, ein Vierteljahrhundert in Hamburg benutzt, in der Periode der Pressefreiheit nach Verkündung der Zweiten Konstitutionellen Periode nach Istanbul verkauft und 1955 nach fünfundvierzigjährigem Dienst dort kurz vor ihrer Verschrottung von Serdar Beys seligem Vater mit dem Zug nach Ka ... Leseprobe

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