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Solidarität und internationale Gemeinschaftsbildung

Beiträge zur Soziologie der internationalen Beziehungen

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783593388755
Sprache: Deutsch
Umfang: 433 S., 13 Fotos, 7 Tab.
Auflage: 1. Auflage 2009
Einband: Paperback

Beschreibung

Nationalstaaten markieren gemeinhin die "natürlichen" Grenzen von Solidarität. Im Prozess der Globalisierung verlieren nationale Solidaritätspraktiken jedoch an Bedeutung: die Unterscheidung zwischen dem Eigenen und dem Fremden, zwischen Binnen- und Außenmoral verschwimmt. Während die einen erwarten, dass sich eine weltumspannende Solidarität entwickelt, argumentieren andere, solidarisches Handeln müsse sich auf eng begrenzte Gruppen beschränken. Die Autoren untersuchen die Konsequenzen dieser Haltungen für eine politische Ordnung jenseits des Nationalstaats.

Autorenportrait

Sebastian Harnisch und Hanns W. Maull sind Professoren für Internationale Beziehungen und Außenpolitik in Heidelberg und Trier. Siegfried Schieder, Dr. phil, ist wiss. Mitarbeiter am SFB 600 'Fremdheit und Armut' der Universität Trier.

Leseprobe

1. Einleitung "Solidarität" zählt zu jenen "buzzwords", die im alltäglichen Sprachgebrauch häufig und gerne verwendet werden. Solidarität wird begrifflich beispielsweise sowohl in persönlichen Beziehungen (Solidarität in der Familie, unter Freunden und in der Nachbarschaft), im binnenstaatlichen Bereich (wohlfahrtsstaatliche Solidarität) als auch auf der überstaatlichen Ebene (europäische Solidarität) gebraucht (vergleiche Wiemeyer 2007: 271). Dennoch wäre es voreilig, hieraus den Schluss zu ziehen, in der Literatur bestünde Klarheit über den Bedeutungsinhalt von Solidarität und mit ihr würden ausschließlich positive Assoziationen geweckt. Denn es existieren ja nicht nur die Solidarität streikender Arbeiter, das Mitleid mit den Armen und Schwachen dieser Welt oder die Solidarität mit dem Staate Israel als Teil der deutschen Staatsräson, sondern auch die Solidarität der Mafia oder einiger radikaler Muslime, die den Kopf eines ihrer Meinung nach gotteslästerlichen Schriftstellers (Salman Rushdie) oder Mohammed-Karikaturisten (Kurt Westergaard) verlangen. Antagonistische Solidaritäten verfolgen dabei kollektive Interessen gegen konkurrierenden Kollektiva, wobei es vor allem um die Abwehr von "Feinden" oder die Selbstbehauptung gegen Widersacher geht. Solidarität ist nicht immer moralisch gut und sozial erwünscht; und wo sie erwünscht ist, gibt es Grenzen ihrer Verträglichkeit, was zu Solidaritätskonflikten führt (Prischung 2003: 190): Die Staatsbürgerinnen und Bürger eines Landes solidarisieren sich gegenüber Arbeitsmigranten, die ihnen angeblich ihre Arbeitsplätze streitig machen; europäische Regierungen solidarisieren sich gegen unilaterales militärisches Vorgehen der USA (beispielweise im Irak 2003), aber sie bringen auch ihre "uneingeschränkte Solidarität" mit Amerika zum Ausdruck, wenn die USA - wie die Ereignisse vom 11. September 2001 gezeigt haben - durch den internationalen Terrorismus herausgefordert werden. Solidarität ist nicht nur ein ambivalentes Phänomen. Im Unterschied zu aversen Gefühlen wie Misstrauen, Feindschaft oder Hass kommt Solidarität in graduellen Abstufungen und Differenzierungen vor. In der Familie oder Verwandtschaft bestehen oft starke solidarische Bande. Es gibt aber auch Bindungen zu den Menschen in der örtlichen Gemeinde oder der Region. Es sind wiederum andere solidarische Verbundenheitsgefühle, die im Nationalstaat (Anderson 1983), in Europa (Mau 2005) oder im globalen Referenzrahmen (Höffe 2002: 413-418) wirksam sind. Letztlich ist es wohl das Schillernde, das Solidarität unleugbar zu einem der "zentralen politischen >Fahnenwörter<" macht, "mit denen sich die Menschen die Vorgänge der Welt erklären", so Prisching (2003: 190). Umso paradoxer mutet es an, dass die Politik- und Sozialwissenschaft dieser Begrifflichkeit zumindest bis in die jüngste Zeit hinein keine sonderliche Aufmerksamkeit geschenkt hat (Stjernø 2005: 19; Radtke 2007: 3). Nicht umsonst ist Solidarität als "Stiefkind [.] der Gesellschaftstheorie" bezeichnet worden (Münkler 2004: 15). Herrscht schon in der Politik- und Sozialwissenschaft insgesamt ein gewisser Vorbehalt gegenüber Solidarität, so verwundert es kaum, dass sich die Teildisziplin der Internationalen Beziehungen (IB) umso schwerer mit der Kategorie der Solidarität tut. Denn zum einen bezieht sich Solidarität gemeinhin auf individuelle Gefühle und moralische Verpflichtung, während die IB-Disziplin sich primär mit kollektiven Akteuren (Staaten, internationalen Organisationen und Interessengruppen) beschäftigt. Zum anderen fehlt der internationalen Ebene eine den Staaten übergeordnete Zentralinstanz, aber auch unterhalb dieser eine gesellschaftliche oder gar gemeinschaftliche Sozialintegration (Waltz 1979). Entsprechend galt die internationale Ebene lange als "kategoriales Gegenstück nationaler Gesellschaften" (Deitelhoff 2006: 11). "Issues of solidarity questions of the self-understanding of the actors concerning the game they are involved in are systematically

Inhalt

Vorwort 7 I Einleitung Zur Theorie der Solidarität und internationalen Gemeinschaft 11 Siegfried Schieder II Solidarität im europäischen und globalen Kontext Europäische Solidarität: Erkundung eines schwierigen Geländes 63 Steffen Mau "Fremde Freunde": Solidarität in der französischen und deutschen Politik gegenüber den MOE- und AKP-Staaten 89 Rachel Folz, Simon Musekamp, Siegfried Schieder Transnationale Solidarität: Mehr Hilfe für entferntes Leid? 115 Katrin Radtke Die Institutionalisierung der Solidarität und der Globalisierung: Der Fall Darfur 137 Thomas Olesen III Internationale Gemeinschaftsbildung Die Konstitutionalisierung der EU: Eine internationale Gemeinschaftsbildung mit transformativem Charakter? 161 Stefan Seidendorf Die Erweiterungspolitik von Sicherheitsgemeinschaften: Die NATOisierung Polens 193 Cornelia Frank Jenseits von Altruismus und Egoismus: Die britische Entwicklungspolitik unter New Labour 221 Christine Wetzel IV Solidarität und internationale Gemeinschaft zwischen Moral, Interesse, Respekt und Recht Die Ambivalenz der Moral: Interessen und Gemeinschaftsgefühl in der französischen Afrikapolitik 257 Klaus Schlichte Politische Schuld, moralische Außenpolitik? Deutschland, Namibia und der lange Schatten der kolonialen Vergangenheit 277 Stefan Engert Respekt, Solidarität und Kooperation in den internationalen Beziehungen 305 Reinhard Wolf Demokratische Solidarität in der Weltgesellschaft - Zur gegenwärtigen Verfassung der globalen Rechtsgemeinschaft 339 Hauke Brunkhorst V Ausblick Solidarität und Gemeinschaftsbildung: Interdisziplinärer Dialog und Synthese 361 Sebastian Harnisch Forschungsfragen und Forschungslücken 375 Hanns W. Maull Abkürzungsverzeichnis 379 Literatur 383 Autorinnen und Autoren 431