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Leben jenseits des Todes?

Transmortalität unter besonderer Berücksichtigung der Organspende, Todesbilder - Studien zum gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod 9, Todesbilder. Studien zum gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod 9

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783593505671
Sprache: Deutsch
Umfang: 181 S., 10 Fotos
Format (T/L/B): 1.3 x 21.5 x 14.1 cm
Auflage: 1. Auflage 2016
Einband: Paperback

Beschreibung

Todesbilder - Studien zum gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod Herausgegeben von Dominik Groß, Andrea Esser, Hubert Knoblauch und Brigitte Tag Handelt es sich bei einer Herztransplantation um einen medizinischen Eingriff oder um ein 'partielles Weiterleben' eines Spenders im Körper des Empfängers? Die Beiträger beschäftigen sich mit der Organspende und den ihr zugrundeliegenden Motiven und Deutungsmustern. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die Organspende als prototypisches Beispiel für Transmortalität gelten kann - also für das Bestreben, den eigenen toten Körper in seiner Absolutheit zu relativieren und über den Tod hinaus fortzuleben.

Autorenportrait

Dominik Groß ist Professor am Inst. für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen. Stephanie Kaiser ist dort wiss. Mitarbeiterin. Brigitte Tag ist Professorin für Straf- und Medizinrecht an der Universität Zürich.

Leseprobe

Thematische Einführung Leben jenseits des Todes? Transmortalität unter besonderer Berücksichtigung der Organspende Stephanie Kaiser, Brigitte Tag und Dominik Groß 2012 erschütterten mehrere Skandale das seit den 1960er Jahren in den "Eurotransplant"-Ländern etablierte System der Organvermittlung wie auch die für Deutschland zuständige Koordinierungsstelle, die "Deutsche Stiftung Organtransplantation". Immer mehr Transplantationszentren mussten einräumen, dass es zu Unregelmäßigkeiten bei der Erstellung von Wartelisten und (damit verbunden) bei Allokationsentscheidungen gekom-men war. Die Anzahl der Organspender sank in Deutschland in den Jahren nach der Veröffentlichung und kritischen Aufarbeitung dieser Richtlinienverstöße deutlich und erreichte ihren Tiefpunkt im Jahr 2014 mit bundesweit 864 postmortalen Organspenden. 2011, im Jahr vor dem medialen Aufschrei, den die Manipulationen in der Öffentlichkeit ausgelöst hatten, waren demgegenüber noch 1.296 Spenderinnen und Spender registriert worden. Ein Anstieg dieser Zahlen konnte erstmals wieder im Jahr 2015 verzeichnet werden: Im Vergleich zum Vorjahr ergab sich allerdings nur eine diskrete Zunahme um 3,2 Prozent. Das beschriebene Skandalon markiert und illustriert einen maßgeb-lichen Sachverhalt: die Organspende gehört zu den Themen, die eine starke öffentliche Aufmerksamkeit erfahren - und dies in durchaus kritischer Weise. Diskutiert wurden und werden nicht nur, wie im skizzierten Fall, Fragen der gerechten Verteilung der verfügbaren Organe, sondern auch die ihr zugrunde liegenden rechtlichen Regelungen (Zustimmungslösung versus Widerspruchslösung), Inhalt und Art der Aufklärungskampagnen rund um das Thema Organspende, soziale Fehlentwicklungen und schiefe Ebenen wie die Herausbildung eines internationalen Schwarzmarktes für Organe (Organhandel) sowie das der Organentnahmepraxis vorausgesetzte Hirntodkriterium und dessen medizinische, normative und soziale Zulässigkeit beziehungsweise Haltbarkeit. Ein weiterer Aspekt der Organspende wird dagegen im öffentlichen Raum nur wenig thematisiert: etwaige selbstbezogene Motive für die Spende von Organen. Tatsächlich gilt die Organspende weithin als (im Wesent-lichen) altruistisch motiviert. Jene Sichtweise wird bereits durch den Ter-minus Organspende insinuiert. Dabei gibt es durchaus Hinweise, dass Menschen in der Organspende eine - gleichsam letzte - Möglichkeit er-blicken, im Falle des eigenen Hirntods im Körper eines anderen (partiell) "weiterzuleben". Besonders einprägsam und emotional aufgeladen ist hierbei das Bild eines (transplantierten) Herzens eines Spenders, das fortan im Organismus eines anderen weiter schlägt und so wirksam verhindert, dass der Spender des Herzens (vollständig) dem Tod preisgegeben ist. Diese Sichtweise gilt vor allem den Angehörigen als tröstend und sinnstiftend, wie das Beispiel eines verunglückten 15-jährigen Rennfahrers zeigt, der einen Organspendeausweis besaß: "Sein Herz schlägt jetzt in einem 12-jährigen Mädchen. [Sein] Vater, gab [.] ein Interview, in dem er über das Engagement seines Sohnes über den Tod hinaus sprach. >Ja, wir sind stolz auf Jonas und froh, dass er in einem anderen Menschen weiterlebt<." Die hier angesprochene eigennützige Motivation zur Organspende ver-weist zugleich auf ein weiteres, gleichsam übergeordnetes rezentes Phäno-men: auf "Transmortalität". Beide Aspekte - die verschiedenen Deutungsmuster und Motivationen rund um das Thema Organspende einerseits und das Phänomen der Transmortalität mit seinen vielfältigen sozialen und normativen Implikationen andererseits - stehen im Mittelpunkt dieses Buchbandes, der in Aachen zugleich den Schlusspunkt des seit 2012 von der VolkswagenStiftung geförderten interdisziplinären Forschungsprojektes Tod und toter Körper: Transmortalität setzt. Vor dem Hintergrund dieser thematischen Schwerpunktbildung scheint es geboten, zunächst die von den Herausgebern zugrunde gelegte, noch wenig geläufig

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