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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783813502367
Sprache: Deutsch
Umfang: 320 S., 30 s/w Fotos
Format (T/L/B): 3.1 x 22 x 14.5 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

Wie kaum ein Schriftstellerleben ist die Biographie Walter Kempowskis von der Geschichte der beiden deutschen Staaten geprägt. Seine Erzählung 'Im Block' ist die unbestechliche Momentaufnahme einer Zwangsgemeinschaft am Rande der Gesellschaft. Im Jahr 1948 wird der 19jährige Walter Kempowski aus Rostock wegen angeblicher Spionage von einem sowjetischen Militärgericht zu 25 Jahren Haft verurteilt. Acht Jahre sitzt er im berüchtigten DDR-Zuchthaus Bautzen. Dann wird er begnadigt. 1969 erscheint sein beklemmender literarischer Bericht aus einer Welt außerhalb des bürgerlichen Alltags. 'Im Block', das ist ein Leben in drangvoller Enge, isoliert, passiv, inhaltsarm. Die Häftlinge bilden eine eigene Gesellschaft, die geprägt ist vom Eingeschlossensein, von qualvoll gedehnter Zeit und von seltenen Augenblicken, die nur entfernt an das Glück eines erfüllten Daseins erinnern. Entstanden sind eindringliche, scharf ausgeleuchtete Bilder einer Existenz, die den Betroffenen all das verweigert, was menschliche Selbstverwirklichung ausmacht: Arbeit, Liebe, Besitz. 1987 erschien dieser Bericht, der den Beginn der schriftstellerischen Existenz Walter Kempowskis markiert, erstmals im Knaus Verlag, ergänzt um während der Haft angefertigte Zeichnungen des Autors.

Autorenportrait

Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 als Sohn eines Reeders in Rostock geboren. Er besuchte dort die Oberschule und wurde gegen Ende des Krieges noch eingezogen. 1948 wurde er aus politischen Gründen von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach acht Jahren im Zuchthaus Bautzen wurde Walter Kempowski entlassen. Er studierte in Göttingen Pädagogik und ging als Lehrer aufs Land. Seit Mitte der sechziger Jahre arbeitete Walter Kempowski planmäßig an der auf neun Bände angelegten "Deutschen Chronik", deren Erscheinen er 1971 mit dem Roman "Tadellöser & Wolff" eröffnete und 1984 mit "Herzlich Willkommen" beschloss. Kempowskis "Deutsche Chronik" ist ein in der deutschen Literatur beispielloses Unternehmen, dem der Autor das mit der "Chronik" korrespondierende zehnbändige "Echolot", für das er höchste internationale Anerkennung erntete, folgen ließ.Walter Kempowski verstarb am 5. Oktober 2007 im Kreise seiner Familie. Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Seit 30 Jahren erscheint sein umfangreiches Werk im Knaus Verlag.

Leseprobe

Im Morgengrauen holten sie mich aus dem Bett. Zwei trugen Lederjacken. Da hast du was zu melden, wenn du wieder r?berkommst, dachte ich. Einer nahm aus dem W?heschrank Briefe und Tageb?cher. Ein anderer strich ?ber die Tapete. Zwei Pullover zog ich mir ?ber, meinen Ring konnte ich unbemerkt in die Nachttischschublade abstreifen. Sie legten mir keine Handschellen an. Beim Hinuntergehen fa?e einer mit zwei Fingern meinen Ellbogen. Oben stand meine Mutter mit aufgel?stem Haar. Auf der Stra? Doppelposten mit Gewehr. Im Fenster des Hausmeisters bewegte sich die Gardine; im Schaufenster der Drogerie Fotos vom Strand. Im Opel Olympia: Trug der Fahrer eine Pickelm?tze? (In Riga erstach man die Stadtverordneten und warf sie in einen Brunnen.) Ich hielt mich an der Troddel fest und suchte die Stra? nach Bekannten ab. Da dr?ben hatte immer der alte Weltzin in seinem Erker gesessen. Ein Bretterzaun versperrte die verbotene Villenstra?. Glatzk?pfige Russenkinder davor. Rasch war der Schlagbaum aufgeseilt, ein Ausweis wurde nicht verlangt. Alle T?ren standen offen. Von Offizieren geleitet, schritt ich die Treppe hinauf. Der Wachhabende sa?auf einem Gartenstuhl. Er hatte die ?mel hochgestreift. Im Keller nahm mich ein freundlicher Mongole entgegen. Krawatte abbinden ? ich trug eine rote ?, Schn?rsenkel herausziehen, Brieftasche hingeben. Brille ab. Mit Stacheldraht umwobene Gitterst?: Kette und Schu? Vor der Nachbarzelle stand eine Beinprothese. Erstes Verh?r in einem Wohnzimmer. An der Wand ein Stalin Bild. Drei Offiziere mit h?enden Orden um mich herum. Ich antwortete nach allen Seiten. Einer strich mir ?bers Haar: Guter Junge. Er stellte ein Bein auf den Stuhl, fummelte an meinem Identification Pass und z?te es an den Fingern her: Aus dem Westen gekommen, Labor Company der U.S. Army, Ami Hose ? also Spion. Im Stra?nlautsprecher Chopin. Ich war drei Schritte hinter mir. Gro? Entfernung trotz Naheinstellung. Zahlenziffern am Fadenkreuz. Kein H?e doch, kein Gedanke an Morgen, keinerlei Reim. Reines Heute. Im Keller schlossen sie mich in eine provisorische Zelle. War das ein Weinkeller gewesen? Ein Kanten Brot lag auf dem K?bel. Ich legte mich auf die Pritsche und zitterte am ganzen Leib. Nach einer halben Stunde waren sechs Stunden vergangen. Sie schlossen mich wieder heraus. Ich mu?e wieder in das Auto steigen. Rasche Fahrt durch Regen. Der Begleiter gab mir eine Zigarette nach der andern. An einer Bahnschranke gab es Aufenthalt. Gute Fluchtgelegenheit: Sie lie?n mich aussteigen zum F?? vertreten. Keine Hunde, keine Fessel, Wald. Der Zug fuhr langsam vor?ber. Sp?bends waren wir in Schwerin. Dunkle Toreinfahrt in wei?eworfener Wand. Auf der Zinne zerbrochenes Glas. (Hier kriegst du Pr?gel.) Der Begleiter bekam f?r mich eine Quittung und ging fort, ohne mich noch einmal anzusehen. Weh mir, wenn es Winter wird! Ein Mensch, vor dem ich sehr erschrak, ?ffnete mir Jacke und Hose. Er suchte nach Waffen. Dann trieb er mich durch G?e ? ?schn?ll! schn?ll!? ? und schob mich in eine Zelle. Es war die Nummer 54. W?rde man hier sp?r einmal eine Bronzetafel zur Erinnerung an meine Leidenszeit anbringen? ?Nix sprechen, nix liegen, nix schlafen, nix singen, nix klopfen, nix Fenstergucken?, sagte der Posten. Alle ?brigen Verbote hatte ich zu ahnen. Ich h?te meinen Mantel an einen Haken in der T?r. Da klatschte es drau?n. Ich hatte eine Signalvorrichtung ausgel?st, durch die der Posten herbeigerufen wurde. Er kam schimpfend angerannt und donnerte gegen die T?r. Die Zelle war leer. Eine eingebaute Pritsche mit Strohsack als einziger Einrichtungsgegenstand. Ich stellte mich an die Heizung und w?te mir die F??. Irgendwo klopfte es. Im Terrazzofu?oden tausend Bilder: Hund, Fisch, Palme. Eine alte Frau mit Holz. Jemand hatte ins Trinkwasser gerotzt. Ich legte mich auf die Pritsche. Kaum lag ich, kam der Posten. ?Nix liegen!? Erst wenn die Glocke klingelte, war das Schlafen erlaubt. Also wieder ho

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