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Love, Revolution und wie Kater Haohao nach Hollywood kam

Roman

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783813503364
Sprache: Deutsch
Umfang: 320 S.
Format (T/L/B): 3 x 22 x 14.8 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

Ost trifft West. Comic trifft Roman. So wurde über China und seine jüngste Geschichte noch nie geschrieben - der Schriftsteller Li Dawei ist eine Entdeckung! Die Helden seines Romans sind ein junger Comiczeichner und sein sprechender Kater. Dies spiegelt sich auch in der Form wieder: Das Buch ist Roman und Comic zugleich. Peking im Sommer 1989: Der namenlose Ich-Erzähler, ein Kunststudent, wird unfreiwillig in die Studentenunruhen hineingezogen. Er, dem jede Art von Kollektivismus suspekt ist und der sich lieber seinen Comics widmet, verliebt sich ausgerechnet in die Studentenführerin Little Kim. In dem Chaos, das nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens herrscht, findet er eine verstörte Katze und nimmt sie mit nach Hause. Little Kim dagegen bleibt verschwunden. Eines Abends beginnt die Katze zu sprechen: Haohao sei ihr Name, und sie eröffnet ihrem verblüfften Gefährten, dass sie eine Karriere als amerikanischer Comicstar à la Garfield anstrebe. In der Tat gelangt Haohao auf chaotischen und gefahrvollen Wegen nach Hollywood. Der Student bleibt zurück in Beijing und flüchtet in seine Comictraumwelten. Schließlich folgt er seiner Katze nach Amerika in der Hoffnung, dort seine große Liebe wieder zu finden. Aber im goldenen Westen erwartet ihn lediglich eine böse Überraschung. Li Dawei verbindet in seinem Roman eine ungewöhnlich spannende Mischung aus Alltagsstimmung und Fantasie. Er setzt die subversive Kraft der Bilder gegen Monotonie und Hoffnungslosigkeit einer verlorenen Generation.

Leseprobe

Still brütete das Universitätsgelände in der Hitze des Frühsommers. Durch ein Fernrohr, das am Fenster des Lesesaals in der obersten Etage unserer Unibibliothek aufgestellt war, blickte ich über eine Gruppe Pappeln hinweg, deren gekalkte Stämme wie Schornsteine aussahen, aus denen grüner Laubrauch aufstieg. Von jenseits des Wäldchens, wo das Schwimmbad lag, hörte man Mädchen herumalbern. Ich gab mich dem schamvollen Vergnügen eines Voyeurs hin und drehte am Fokussierrad, um das Bild schärfer zu stellen. Jetzt konnte ich durch das Laub auf das Schwimmbecken blicken, in dem ein paar Mädchen mit einem Gummiball spielten. Eines entfernte sich gerade von der Gruppe, schwamm auf den Beckenrand zu und kletterte die Leiter hoch. Ihr schwarzweiß gestreifter Badeanzug erinnerte an ein Zebra. Direkt hinter ihr stieg ein weiteres Mädchen aus dem Wasser. Auf dem Weg zur Umkleidekabine hinterließen die beiden nasse Fußabdrücke auf dem Beton, die aber sofort wieder trockneten. Ein Rasensprenger pulsierte im Uhrzeigersinn über die Wiese und sprühte auf jeder neuen Runde rhythmisch einen Regenbogen ins Sonnenlicht. Kurz nachdem die Mädchen verschwunden waren, kam ein vierbeiniges Wesen ins Bild, eine weiße Katze mit schwarzem Schwanz. Eigentlich war sie noch ein Kätzchen, denn der runde Kopf auf dem kleinen Körper war dem Kindchenschema entsprechend überproportional groß. Irgendetwas, vermutlich eine Fliege, musste ihr Interesse geweckt haben, denn sie sprang hoch und schlug mit der Pfote danach. Einen kurzen Moment lang stand sie aufrecht auf den schwarzweißen Fliesen der Schwimmbadterrasse wie eine Schachfigur. Plötzlich tauchte noch ein Kätzchen auf, diesmal ein graues. Das erste Tier ließ sich wieder auf alle vier Pfoten hinab, lief auf das zweite zu und schlang ihm einen Vorderlauf um den Hals. Dann jagten sie hintereinander her und verschwanden im hohen Gras, dessen gelegentliches Wogen verriet, wo sie sich gerade befanden. Die Uhr schlug vier und verkündete das Ende der Vorlesungszeit, doch die Lehrveranstaltungen waren den meisten Studenten im Moment egal, da sie auf den Tian'anmen Platz, den Platz des Himmlischen Friedens, gezogen waren, um sich der immer größer und lauter werdenden Protestbewegung anzuschließen. Hier draußen auf dem Universitätsgelände, das im Schatten des Fernsehturms am westlichen Stadtrand Beijings lag, waren die Mauern von regierungskritischen Slogans und Graffiti übersät. Die unterschiedlichsten Gerüchte über die Entscheidungsträger unseres Staates waren in Umlauf, und selbst die offiziellen Nachrichtenmedien wichen von ihrer traditionell harten Linie ab und bekundeten den Studenten ihre Sympathie. Einige Studentenführer hatten es sogar geschafft, sich mit ihrer Hilfe an die Öffentlichkeit zu wenden, und waren über Nacht zu Berühmtheiten geworden. Ich selbst aber verharrte lieber in der Stille im Auge des Taifuns, um dort mit gestrichenen Segeln die weitere Entwicklung der politischen Großwetterlage abzuwarten. Meine Zurückhaltung entschuldigte ich den anderen Studenten gegenüber mit Agoraphobie, was eines Tages jemanden dazu provozierte, mir ordentlich einzuheizen. Als spräche er vor großem Publikum, hielt mir ein Kommilitone eine leidenschaftliche Predigt über die ungeheure Bedeutung der Studentenbewegung und unsere historische Pflicht, jetzt zu handeln. Mein ohne Punkt und Komma redender Kritiker war Genosse Mao, der Vorsitzende der Studentenvertretung unserer Hochschule. Als er von seinen Tiraden allmählich heiser wurde, hatte er mich so weit, dass ich Haltung annahm und grüßte: "Jawohl, Vorsitzender Mao. Ich weiß, dass China von jedem einzelnen erwartet, seine Pflicht zu tun." Vorsitzender Mao war vor seiner Berufung mein Zimmerkamerad im Studentenwohnheim gewesen. Er hatte ein bemerkenswertes Gedächtnis und kannte sich hervorragend und bis ins entlegendste Detail in der Geschichte der Kommunistischen Partei Chinas aus. Dank dieser Gabe konnte er es sich leisten, die Schriften zur politischen Erziehun Leseprobe