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Walter Kempowski

Bücher und Begegnungen

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783813503371
Sprache: Deutsch
Umfang: 176 S.
Format (T/L/B): 1.5 x 20.5 x 12.8 cm
Einband: Paperback

Beschreibung

Eine Lebensleistung wird gewürdigt Den Kritiker Hage und den Schriftsteller Kempowski verband eine weit über dreißig Jahre währende konstruktiv-kritische und freundschaftlich geprägte Arbeitsbeziehung. Volker Hage begleitete den Weg des von der Literaturkritik lange Zeit skeptisch betrachteten Autors quasi von der ersten Stunde an. Nun hat Hage die wichtigsten Texte und Gespräche zusammengetragen.

Autorenportrait

Volker Hage, geboren 1949 in Hamburg, kam nach Stationen bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und der "Zeit" zum "Spiegel", wo er seit 1992 als Literaturredakteur arbeitet. Er hatte Gastprofessuren in Deutschland und den USA inne. Als Herausgeber und Autor zahlreicher Bücher hat er die deutsche sowie die internationale Literaturentwicklung kritisch beobachtet und kommentiert. Er ist einer der bekanntesten Literaturkritiker im deutschsprachigen Raum.

Leseprobe

Im Dezember 1971 begegnete ich Walter Kempowski zum ersten Mal, einem schlanken Mann von Anfang 40, der in jenem Jahr einen Roman mit dem merkwürdigen Titel "Tadelloser & Wolff" publiziert hatte. Der Roman war freundlich, sogar betont wohlwollend aufgenommen worden - voller Anerkennung war die Kritik schon zwei Jahre zuvor bei Kempowskis Debüt "Im Block" gewesen -, doch von großen Auflagen, gar von Popularität war der Autor weit entfernt. Damals konnte niemand ahnen, auch Kempowski nicht, der große Pläne hatte, daß mit dem Erscheinen dieses Buches der Grundstein für einen der erfolgreichsten Romanzyklen der deutschen Literatur gelegt war.Kempowski las in einer Hamburger Bücherhalle vor allenfalls zwei Dutzend Zuhörern Nach der Lesung bat ich ihn um ein Interview - ich war Anfang Zwanzig, Student der Germanistik, und ich muß auf ihn einen sehr jugendlichen Eindruck gemacht haben. Denn Kempowski reagierte reserviert: Nein, von einer Schülerzeitung wolle er sich nicht befragen lassen Immerhin durfte ich ihn zum Hauptbahnhof fahren, und während der Fahrt erklärte ich ihm, daß ich hoffte, eine Zeitung zum Abdruck des Interviews bewegen zu können. Gut, sagte er, falls eine richtige Zeitung für den Plan zu gewinnen sei, dürfte ich mich wieder bei ihm melden.Als ich ihm dann wenig später mitteilte, die Literaturzeitschrift "Akzente" habe an einem Kempowski-Gespräch Interesse, ging alles recht schnell. Schon am 22. Januar 1972 saß ich bei ihm in Nartum, im Obergeschoß der Dorfschule. Kempowski war Lehrer, der nebenbei schrieb; als Schriftsteller konnte er den Lebensunterhalt für sich und seine Familie noch lange nicht verdienen.Das Interview fand am Nachmittag statt. Auf Kempowskis Briefbogen stand vorsorglich hinter der Telefonnummer der Vermerk: "ab 15.30 Uhr". Störungen zur falschen Zeit wollte er ausschließen. Übrigens zierte den Bogen damals auch eine eigenwillige Kopf- und Fußleiste: Außer dem Namen Kempowski waren als Schriftband oben und unten allerlei Fehlschreibungen dokumentiert, wie "Kampowske", "Klimbinsky", "Kompotzki", "Klombowske", "Kenbosski" oder "Kompowki" - in dieser Auflistung offenbarte sich die für Kempowski auch später charakteristische Mischung aus Verärgerung und Selbstironie.Er erzählte geduldig und konzentriert: wie er, der Rostocker Reedersohn, zwischen 1948 und i956 in Bautzen als politischer Häftling einsaß, wie er im Knast Verse im Rilke-Ton auf Schiefertafeln notierte, wie er dann nach seiner Entlassung in der Bundesrepublik einen nie veröffentlichten kleinen Roman a la Kafka geschrieben habe.Er, der literarische Neuling, ein Opfer von Willkürjustiz, hatte nach der Haft den Impuls, zunächst alles zusammenzutragen und um sich zu versammeln, was ihn an seine Kindheit und Jugend erinnerte: alte Fotos, Adreßbücher, Zeitungen, Spielzeuge. Mitte der fünfziger Jahre begann er damit, seine Mutter, seinen Bruder und andere Verwandte vor ein Tonbandgerät zu setzen und zu befragen Das alles wurde zur Grundlage zunächst für den Roman "Tadellöser & Wolff", später auch für andere Teile jener Chronik des deutschen Bürgertums, mit der er berühmt werden sollte.Schon damals, Anfang der siebziger Jahre, war dem Schriftsteller freilich ein Problem sehr bewußt: Das, was da unter seinen Händen weitgehend autobiographisch zum Roman wurde (Kempowski hat daraus nie ein Hehl gemacht), war ein subjektiver, sehr individueller Ausschnitt der deutschen Geschichte, das Schicksal einer, seiner Familie - und trotz der Gefängnishaft Kempowskis, seines Bruders und schließlich auch der Mutter war es eine noch einigermaßen glimpflich verlaufene Geschichte aus Kriegs- und Nachkriegszeiten. Dem Autor stand stets vor Augen, daß es andere, viel grausamere und entsetzlichere Geschichten aus jenen Jahren zu erzählen gab Aber wie konnten sie Eingang in sein autobiographisches Romanwerk finden?Als wir damals in Nartum miteinander sprachen, hatte Kempowski schon eine fixe Idee im Kopf. Er beabsichtige, sagte er mir, Zeitzeugen eine einzige Frage z Leseprobe