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Haltet euer Herz bereit

Eine ostdeutsche Familiengeschichte

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783896674012
Sprache: Deutsch
Umfang: 272 S.
Format (T/L/B): 2.7 x 22 x 14.3 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

Die DDR als aufwühlende Familiengeschichte Die Familie von Maxim Leo war wie eine kleine DDR. In ihr konzentrierte sich vieles, was in diesem Land einmal wichtig war: Die Hoffnung und der Glaube der Gründerväter. Die Enttäuschung und das Lavieren ihrer Kinder, die den Traum vom Sozialismus nicht einfach so teilen wollten. Und die Erleichterung der Enkel, als es endlich vorbei war. In dieser Familie wurden im Kleinen die Kämpfe ausgetragen, die im Großen nicht stattfinden durften. Hier traf die Ideologie mit dem Leben zusammen. Denn die Überzeugungen waren stark und sie wurden geprägt von einer starken Persönlichkeit, Großvater Leo: Résistance-Kämpfer, Spion, Journalist und Gründervater des antifaschistischen Staates. Widerspruch war entweder zwecklos oder führte zu Zerwürfnissen. Maxims kritischer Vater Wolf, ein radikaler Künstler und Freigeist, liebt Gerhards Tochter Anne trotz ihrer Staatstreue. Und Sohn Maxim steht dazwischen und muss einsehen, dass es gegen »revolutionäre« Eltern kein jugendliches Aufbegehren geben kann. Bis es das Land, das sie aufgebaut und für das sie gekämpft hatten, plötzlich nicht mehr gab und ihr Lebenssinn - im Guten wie im Schlechten - verschwand. Maxim Leo erzählt anhand seiner Familie, was die DDR zusammenhielt und was sie schließlich zerstörte.

Leseprobe

Als ich das Krankenzimmer betrat, lachte Gerhard. Er sagte etwas. Seltsame, kehlige Worte kamen aus seinem Mund. Dann lachte er wieder. Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Großvater sich je so gefreut hat, mich zu sehen. Der Arzt erklärte mir, der Schlaganfall habe das Sprachzentrum in Gerhards Gehirn geschädigt. Er könne jetzt nur noch Gefühle äußern. Das Rationale aber sei blockiert. Ich dachte daran, dass es bisher immer genau umgekehrt war. Gerhard redete auf mich ein. Ich tat so, als würde ich etwas verstehen. Irgendwann sagte ich ihm, dass ich leider gar nichts verstehe. Gerhard nickte traurig. Vielleicht hatte er gehofft, ich könnte ihn aus der Sprachlosigkeit befreien. So wie ich ihm früher manchmal aus der Gefühlsstarre geholfen hatte. Mit einem Witz oder einer frechen Bemerkung, die seine Autorität erschütterte. Ich war der Familienclown, dem man keine böse Absicht unterstellte. Ich konnte dem Helden der Familie zu nahetreten, dem Mann, dem sonst niemand widersprach. Durch das Fenster des Krankenzimmers schien ein klares Frühlingslicht. Gerhards Gesicht war schlaff und leer. Wir schwiegen. Ich hätte mich jetzt gern mit ihm unterhalten. Ich meine richtig unterhalten. Meistens war es so, dass Gespräche mit Gerhard nach spätestens zehn Minuten zu Monologen über seine letzten Erfolge wurden. Er sprach von Büchern, die er gerade schrieb, von Vorträgen, die er gehalten hatte, von Zeitungsartikeln, die über ihn berichteten. Ich habe ein paar Mal versucht, mehr von ihm zu erfahren. Mehr als die Geschichten, die alle kannten. Aber er wollte nicht. Es kann sein, dass er Angst davor hatte, sich zu nahezukommen. Dass er sich daran gewöhnt hatte, ein Denkmal zu sein. Jetzt war es zu spät. Dieser Mann, dem die Sprache immer das Wichtigste war, ist sprachlos geworden. Ich kann ihn nicht mehr befragen. Niemand kann das mehr. Er wird seine Geheimnisse behalten. Gerhard war schon ein Held, bevor er erwachsen wurde. Als Siebzehnjähriger hat er in der französischen Résistance gekämpft, wurde von der SS gefoltert und von Partisanen befreit. Nach dem Krieg kam er als Sieger nach Deutschland zurück und baute die DDR auf, diesen Staat, in dem alles besser werden sollte. Er wurde ein wichtiger Journalist, ein Teil der neuen Macht. Man brauchte damals Leute wie ihn. Männer, die im Krieg alles richtig gemacht hatten, auf die man sich berufen konnte, wenn man erklären wollte, warum es diesen antifaschistischen Staat geben musste. Sie haben ihn in Schulen und Universitäten geschickt. Immer wieder hat er von seinem Kampf gegen Hitler erzählt, von der Folter, vom Sieg. Mit diesen Geschichten bin ich groß geworden. Ich war stolz darauf, zu dieser Familie zu gehören, zu diesem Großvater. Ich wusste, dass Gerhard mal eine Pistole gehabt hat und mit Sprengstoff umgehen konnte. Wenn ich meine Großeltern in Friedrichshagen besuchte, gab es Apfelkuchen und Fruchtsalat. Immer wieder bat ich Gerhard, von früher zu erzählen. Gerhard erzählte von Furcht einflößenden Nazis und mutigen Partisanen. Manchmal sprang er auf und spielte eine Szene mit verteilten Rollen vor. Wenn Gerhard einen Nazi spielte, verzog er sein Gesicht zu einer Grimasse und sprach mit tiefer, gurgelnder Stimme. Nach der Vorstellung spendierte er mir meistens eine Milka-Schokolade. Noch heute muss ich an die Monster-Nazis denken, wenn ich Milka-Schokolade esse. In Anwesenheit von Erwachsenen war Gerhard nicht so lustig. Er duldete es nicht, wenn jemand aus der Familie "herumpolitisiert", wie er sagte. Eigentlich politisierten alle, die nicht so wie Gerhard an die DDR glaubten, irgendwie herum. Der Schlimmste war Wolf, mein Vater, der nicht mal in der Partei war, aber Gerhards Lieblingstochter Anne, meine Mutter, geheiratet hatte. Es gab viel Streit, und meistens ging es um Dinge, die ich erst später wirklich verstanden habe. Um den Staat, um die Gesellschaft, um die Sache, wie es immer hieß. Unsere Familie war wie eine kleine DDR. Hier fanden die Kämpfe statt, die sonst nicht sta Leseprobe